Frauenkirche

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Gerald Dobler

Die Wasserburger Frauenkirche mit dem Stadtturm

Einführung

Die Frauenkirche von Südosten gesehen

Die Frauenkirche, seit ihrer Errichtung eine Filialkirche der Stadtpfarrkirche St. Jakob, ist eine dreischiffige, vierjochige Pseudobasilika (ohne Fenster im Obergaden des Mittelschiffs) mit kurzem Chor, der nach außen nur als Dreiachtel-Schluss in Erscheinung tritt. Die Seitenschiffe enden östlich mit abgeschrägten Außenecken. Als Ursache für diese Abschrägungen wurde Platzmangel aufgrund des nordöstlich benachbarten Rathauses vermutet. [1] Jedoch ist der Bau des Rathauses deutlich jünger als die Kirche und die Schrägen treten an beiden Seitenschiffen auf. Außen befinden sich am Chor zwei gestufte, tiefe Strebepfeiler, am Langhaus sehr flache Strebepfeiler, auch zwischen Mittel- und Seitenschiffen, die an den Ecken schräg gestellt sind (nördlich z. T. verstärkt). An der Südseite ist am Übergang zwischen Seitenschiff und Chor die Sakristei mit unregelmäßigem polygonalen Umriss angebaut. Vor der Westfassade erhebt sich über einer Durchgangshalle der Turm mit vier Eck-Erkern und Spitzhelm. Der Turm diente neben seiner Funktion als Kirchturm bis ins 19. Jahrhundert auch als (Feuer-)wachturm. Der Innenraum der mittelalterlichen Kirche ist barock überformt. Eine intensivere Forschung zur Baugeschichte des überaus interessanten Bauwerks ist bis heute leider nicht erfolgt.

Plan der Kirche von Simon Millinger von 1826

Geschichte, Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der mittelalterliche Kirchenbau

Die Frauenkirche wird erstmals 1324 anlässlich der Stiftung einer Frühmesse erwähnt. [2] Kaiser Ludwig der Bayer stiftete 1342 zum Unterhalt des Ewigen Lichts die Erträge der Stadtfronwaage. [3] 1351 besaß die Kirche mindestens zwei Altäre. [4]

Dachraum, Ostseite Turm. Blenden mit Spitzbogenfriesen und Deutschem Band unter dem Glockengeschoss

Der Turm der Kirche entstammt einschließlich des Glockengeschosses noch der frühgotischen Zeit. [5] An der Ostseite des ursprünglich ziegelsichtigen Turmes finden sich unter dem Glockengeschoss, heute unter dem Kirchendach, zwei Blenden mit Friesen aus je drei Spitzbögen und über diesen ein Deutsches Band.

Dachraum, Ostseite Turm. Gesims aus Tuffstein (Pfeile) und hypothetische Rekonstruktion eines anstoßenden Daches dazwischen

Mehrere Meter darunter sind an der Nord- und Südecke zwei Teile eines horizontalen Kaffgesimses aus Tuffstein vorhanden, die an der Ostseite des Turmes nördlich schon nach ca. 90, südlich nach ca. 65 cm enden. Eine naheliegende Erklärung dafür ist, dass zwischen den Gesimsstücken ein Dach an den Turm anschloss, dass der Turm also mit einem östlich anschließenden Kirchenbau in Verbindung stand. [6] Die Halle im Erdgeschoss, die sich nördlich und südlich in zwei Spitzbögen öffnet und ein Kreuzrippengewölbe mit kräftigen, einfach gekehlten Rippen mit rundem Schlussstein aufweist, dürfte dem ursprünglichen Baubestand angehören. Die oberen Turmgeschosse waren damit, wie noch heute, nur über die angebaute Kirche zu erreichen. [7] Auch die vier Fenster des Glockengeschosses mit Maßwerk aus Tuffstein gehören noch diesem Bau an. Das vermauerte, zweibahnige spitzbogige Fenster mit Nasen in der Ostwand entspricht dem westlichen Fenster. Die beiden Fenster in der Nord- und Südwand sind ebenso konstruiert, jedoch etwas breiter und mit einem zusätzlichen Dreipassfenster über den Spitzbogenfenstern. [8] Das Glockengeschoss bildet üblicherweise das oberste Geschoss eines Kirchturmes. Der Turm endete demnach ursprünglich mit diesem Geschoss. [9]

Die Westwand des Mittelschiffs schließt über dem Gewölbe seitlich stumpf an den Turm an. Der Turm ist demnach zumindest älter als die Westwand des Mittelschiffs oberhalb des Gewölbes. [10]

Dachraum über dem Mittelschiff, Nordwestecke. Baufuge zwischen dem Turm und der Westwand des Mittelschiffs

Der Kirchenbau erscheint ansonsten in den aufgehenden Teilen als weitgehend einheitlicher Bau, der wohl durchgehend mit Kreuzgewölben geplant war.[11] In den Seitenschiffen sind noch heute Kreuzgratgewölbe vorhanden, wohl die ursprünglichen Kreuzrippengewölbe, deren Rippen später entfernt wurden. Der Innenraum wird durch sechs barock ummantelte quadratische Freipfeiler mit halbrunden Vorlagen an allen vier Seiten gegliedert, denen analog gestaltete Wandpfeiler an den Außenwänden entsprechen. An den Mittelschiffwänden laufen die Vorlagen als Dienste bis zum (späteren) Gewölbe hinauf. In der Südfassade befindet sich eine auch von außen sichtbare Wendeltreppe, die in den Dachraum des Seitenschiffs führt. Über den Seitenschiffen waren ursprünglich zwischen den Jochen Strebebögen vorhanden, die mit ihrem Scheitel an flache Strebepfeiler bzw. Lisenen an den Mittelschiffwänden liefen. [12]

Dachraum über dem südlichen Seitenschiff. Ansätze der ursprünglichen Strebepfeiler an der Südwand des Mittelschiffs

Um 1386 wurden einer Quittung des Meisters Paulus Mainer, genannt der "Mergker", zufolge die Kirche zumindest teilweise eingewölbt. [13]

Reste der Figuration des Springrautengewölbes aus der Zeit um 1386 im westlichen Joch des Mittelschiffs
Gewölbekonsolen und Schlusssteine im westlichen Joch des Mittelschiffs und in der Sakristei. Zeichnung von 1902

Dabei muss es sich um das Gewölbe des Mittelschiffs gehandelt haben, einem Tonnengewölbe mit Stichkappen. [14] Dieses zeigte nämlich, wie die erhaltenen Rippen im westlichen Joch belegen, die Form eines sogenannten Springrautengewölbes, einer Gewölbeform, die erst wenige Jahre zuvor von Peter Parler 1370-1380 in der Durchfahrt des Altstädter Brückenturms in Prag und danach im Chorgewölbe des Prager Veitsdomes erstmals realisiert wurde. [15] Außerdem sind Unstimmigkeiten zwischen dem Gewölbe und den älteren Diensten festzustellen: In den beiden westlichen Ecken des Mittelschiffs sind offenbar im unteren Teil die ursprünglichen, hier viertelrunden Dienste vorhanden. Hier reichen jedoch die Schildrippen des Gewölbes tiefer herab als bei den ursprünglichen Diensten an den Seitenwänden, die Formen der Rippen passen nicht zu den viertelrunden Diensten. [16]

Erhalten sind von den Gewölbefigurationen neben den birnstabförmigen Rippen drei runde und zwei halbrunde, skulptierte Schlusssteine. Im großen Schlussstein im Scheitel ist ein leicht spitzbogiger Wappenschild mit einer Bretze und einem Wecken (mit gekreuzten Seerosen) [17] dargestellt, wohl das Wappen der Bäckerzunft, die die Einwölbung mitfinanzierte, in den kleineren Schlusssteinen eine Maske und ein sich in das Hinterbein beißendes Tier ohne Vorderbeine. Die halbrunden Schlusssteine an der Westwand zeigen Rosetten. Zwischen den Stichkappen sind kurze Dienste vorhanden, darüber zeichnen sich die heute verlorenen Querrippen ab.

Sterngewölbe der Sakristei aus der Zeit um 1386

Das farbig gefasste Sterngewölbe der Sakristei ist jedenfalls gleichzeitig, die Sakristei wurde wohl um 1386 vollständig neu errichtet. [18] Es besitzt ebenfalls birnstabförmige Rippen und setzt westlich über zwei Konsolen mit Masken (südlich heute verdeckt), dazwischen über halben Rosetten an. Diese sind identisch mit den halben Rosetten im Mittelschiff ausgeführt. Der große Schlusstein im Scheitel zeigt das Lamm Gottes, die übrigen vier Schlusssteine eine Maske, ein Kalb? in Seiten-/Rückansicht, einen behaarten Menschen oder einen Affen und eine Rosette. [19]

Das Verzeichnis der entfernten Schlusssteine des Buchbinders und Bürgermeisters Frankenberger von 1752 (Abschrift von Joseph Heiserer vom 21.12.1855, Pfarrarchiv) nennt insgesamt 32 Stücke mit folgenden Darstellungen (überwiegend Wappenschilde): 1. Brustbild der Madonna in weißem Feld; 2. Brustbild einer weiblichen Figur mit Locken in rotem Feld; 3. Bayerisches Wappen mit Löwen; 4. Bayerisches Wappen mit Rauten; 5. Roter Stadtlöwe (Wappen Wasserburgs) in weißem Feld; 6. Brustbild eines Menschen in blauem Feld; 7. stehender Löwe mit Menschengesicht in gelbem Feld; 8. "Halber Mann mit rundem Sägl (? Säpel) übern Kopf - blaues Feld"; 9. Kopf eines alten bärtigen Mannes in rotem Feld; 10. Kopf eines glatzköpfigen bärtigen Mannes in dunklem Feld; 11. Wassermann mit Schamtuch in blauem Feld; 12. Lamm Gottes in rotem Feld; 13. gelber Ochse in schwarzem Feld; 14. Katze mit Maus in der linken Tatze in dunklem Feld; 15. Karpfen in rotem Feld; 16. grüner Drache in gelbem Feld; 17. schlafender gelber Löwe in rotem Feld; 18. Eselsrumpf mit Vorderbeinen in rotem Feld; 19. gelbes "Ochsenhorn" in rotem Feld; 20. "Schöpfer gelb mit rothen schwarzen Reifen - aschenfärbig Feld"; 21. "Blauer Schöpfer mit gelb u. schwarzen Reifen, rothes Feld"; 22. weiße Rose in blauem Feld; 23. rote Rose in weißem Feld; 24. "Blaue Rose u. weiße Blättern - Schattenfeld"; 25. "Blaue Rose mit rothen Blättern - Schattenfeld"; 26. gelbe Rose mit blauen Blättern in "Schattenfeld"; 27. blauer Strich in rotem Schild; 28. ebenso; 29. Buchstabe in rotem Feld; 30. XX in rotem Schild; 31. "X ist ein weißes Band in rothem Schild"; 32. eine unkenntliche Darstellung.

Nach Heiserer fanden sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts einige Schlussteine im Friedhof von St. Achatz eingelagert und zahlreiche im dortigen alten Badhaus verbaut. Er notierte für die Nr. 1, 3-5, 9, 12-14, 16, 19-20, 22-24, 27 und 30, dass diese noch vorhanden waren. In einer Randnotiz eines D. Martin auf dem Blatt heißt es: "Sind nun alle (bis auf ein paar an der Friedhofmauer zu Sct. Achaz) bey Bau des Mineralbades verschwunden. In der Kirche zu Eiselfing sollen einige seyn." [20]

Zu der Einwölbung von 1386 gehören wohl außerdem zwei kurze Dienste zuseiten des Chorostfensters, die an ihrem unteren Ende südlich eine kleinformatige Männer-, nördlich eine Frauenbüste aufweisen (letztere abgeschlagen). [21] Die Männerbüste zeigt wie die Reliefs der Schlusssteine sehr hohe bildhauerische Qualität. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass der Chor im Ganzen erst um 1386 errichtet wurde. [22] Im unteren Teil der Chorwände befinden sich drei Nischen mit mehrfach gestuften Segmentbögen sowie zwei gemalte einfache Apostelkreuze. [23]

In den Giebeln der Seitenschiffe, die wohl ebenfalls erst um 1386 aufgemauert wurden,[24] sind sowohl östlich als auch westlich außen spitzbogige Blendnischen vorhanden, die offenbar nachträglich teilweise zugesetzt wurden.

Um 1420/30 erhielt die Kirche vermutlich einen neuen Altar mit dem noch heute vorhandenen Gnadenbild. [25]

1502-03 wurde unter Beteiligung des Wasserburger Baumeisters Wolfgang Wiser der Turm bis zur heutigen Höhe aufgestockt, er erhielt zwei zusätzliche Wohngeschosse mit je einem Raum für den Turmwächter, den Spitzhelm und die vier Eck-Erker an dessem unteren Ende. [26] Vermutlich erhielt der Turm erst durch diesen Umbau seine Zusatzfunktion als städtischer Wachturm. Er befindet sich wohl erst seit dem 16., mindestens aber seit dem frühen 17. Jahrhundert in städtischem Besitz. [27]

Bewertung des mittelalterlichen Kirchenbaus

Möglich ist die Entstehung der Kirche wohl bereits ab der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, da zum Einen eine erste Jakobskirche, die der Frauenkirche zeitlich offenbar vorausging, vermutlich bereits um 1200 bestand, [28] zum Anderen die quadratischen Pfeiler mit halbrunden Vorlagen noch stark an romanische Bauten erinnern. Bemerkenswert erscheinen mehrere Analogien zur Dompfarrkirche St. Ulrich in Regensburg, deren Bau in der Forschung in die Zeit um 1225 bis um 1240/50 gesetzt wird und die als eines der ältesten gotischen Bauwerke in Deutschland deutliche französische Einflüsse (v. A. aus Laon und Notre Dame in Paris) aufweist. [29] Zu nennen sind hier die flachen Strebepfeiler, die ebenfalls an den Fassaden in Erscheinung tretenden Wendeltreppen und die Strebebögen über den Seitenschiffen, die in Regensburg bis heute über den Dächern sichtbar sind (Bögen unter der Dachhaut). Entsprechend sind auch in Wasserburg zumindest ursprünglich geplante niedrige Dächer zwischen den Strebebögen zu vermuten. [30]

Der Turm kann ursprünglich, aber auch noch in frühgotischer Zeit nachträglich an die Kirche angebaut sein. [31]

Das Gewölbe im Mittelschiff aus der Zeit um 1386 stellte eine sehr frühe Übernahme der von Peter Parler wenige Jahre zuvor in Prag verwirklichten ersten Springrautengewölbe dar. Die erhaltenen Schlusssteine und Konsolen zeigen gute bis sehr gute Qualität.

Der Kirchturm besaß für seine Entstehungszeit in frühgotischer Zeit mit seiner Durchgangshalle zumindest keine singuläre Bauform. Zum Wachturm wurde er wohl erst mit der Aufstockung 1502-03.

Veränderungen des 16. und 17. Jahrhunderts

Im späten 16. Jahrhundert wurde in der westlichen Hälfte des westlichen Jochs des Langhauses eine unterwölbte Empore eingebaut, mit stuckierten Konsolen mit Blattwerk und Masken und einer Front mit Quadraturstuck, nach Hager ein "beachtenswerthes Werk der deutschen Renaissance". [32] Die Wendeltreppe zur Empore in der Nordwestecke wurde vermutlich zusammen mit dieser eingebaut. Die Rippen des Netzgewölbes der Empore stammen möglicherweise erst aus dem 19. Jahrhundert.

1667 stiftete der Wasserburger Patrizier Abraham Kern eine neue Orgel, die von Hans Vogl aus Neuötting gebaut wurde. In diesem Zusammenhang wurden eine obere, hölzerne Empore eingebaut und zwei Fenster in die Westwand der Kirche gebrochen. [33] Vielleicht wurde gleichzeitig das Wandgemälde an der Westwand über der Orgel angebracht, das einen Baldachin zeigt, der von vier Engeln aufgehalten wird. [34]

Am 12. August 1668 schlug der Blitz in den Turm ein und beschädigte den Spitzhelm.

1696 erhielt die Kirche einen neuen Hochaltar, in den das gotische Gnadenbild übernommen wurde.[35]

Anfang des 18. Jahrhunderts erfolgte die Neuerrichtung des Dachstuhls des Mittelschiffs in der heutigen, deutlich steileren Form als zuvor. 1717 erhielt auch die Sakristei einen neuen Dachstuhl. [36]

Am 26. August 1730 schlug der Blitz erneut in den Turm ein, wiederum wurde nur der Spitzhelm beschädigt.

Die Barockisierung 1750 bis 1753

Ab 1750 wurde die Kirche mit privaten Spenden durchgreifend barockisiert: Mit Ausnahme des westlichen Endes des Mittelschiffs wurden sämtliche Gewölberippen mit den Schlussteinen entfernt, die mittelalterlichen Pfeiler und Dienste ummantelt, die Fenster verändert, die Wand- und Gewölbeflächen freskiert. Die abschließende Neuweihe erfolgte am 27. Januar 1753 durch den Freisinger Weihbischof Franz Ignaz Albert von Werdenstein. Das im Pfarrarchiv erhaltene Konzept der Ausmalung dürfte der damalige Pfarrer Franz Anton Copaur entworfen haben, die Umsetzung besorgten der Mühldorfer Maler Johann Paul Kurz d. J. (* 1721, † 1772) und sein Tiroler Geselle Johann Joseph Leitner. Außerdem wurde eine neue Stuckkanzel eingebaut. [37]

1814 erhielt auch das nördliche Seitenschiff einen neuen steileren Dachstuhl. [38]

Regotisierende Eingriffe des 19. Jahrhunderts

In den Jahren 1859-81 kam es zu mehreren Regotisierungsmaßnahmen: 1859/60 erfolgte eine Innenrenovierung mit Übertünchung der Stuckkanzel und der Ornamentmalereien, 1863-64 wurden im Langhaus neugotische Maßwerkfenster eingebaut und durch den Wasserburger Maurermeister Michael Geisberger die beiden neugotischen Seitenportale angelegt. 1872-73 folgten Glasgemälde des Glasmalers Ludwig Neumayer aus München und ein neues Westportal, wiederum von Geisberger, 1881 neugotische Maßwerkfenster im Chor. [39]

Um 1900 wurden auch die figürlichen Wandgemälde von 1750/52 überstrichen. [40]

Veränderungen des 20. Jahrhunderts

Bereits in den Jahren 1913-16 erfolgte im Rahmen einer weiteren Innenrenovierung die Wiederfreilegung der Kanzel und der figürlichen Wandbilder, nach 1921 auch der ornamentalen Malereien. [41]

1938 fand anlässlich der 800-Jahr-Feier der Stadt eine Außenrenovierung statt. [42]

Am 2. Mai 1945, einen Tag vor der Besetzung Wasserburgs durch die Amerikaner, wurden beim Einschlag einer Granate in der Nähe sämtliche Fenster der Kirche zerstört. [43]

In den 1950er Jahren folgten weitere Revisionen der Umgestaltungen des 19. Jahrhunderts: 1954/55 wurden der Hochaltar freigelegt und das Gnadenbild restauriert, etwa gleichzeitig erhielten die Fenster neue Verglasungen ohne Malereien. 1956/57 erfolgte eine Außenrenovierung. Ab 1957 wurden die Nazarenerbilder in den Seitenaltären wieder entfernt. [44]

1972-76 fand eine Gesamtrenovierung statt, in deren Verlauf die obere Empore abgebrochen, die dahinterliegende Baldachinmalerei freigelegt und eine neue Orgel eingebaut wurde. Außerdem erhielt die Kirche ein neues Pflaster aus Solnhofer Platten, das Gestühl wurde zu einem Mittelblock umgebaut.

1984-86 wurden zuletzt die beiden Seitenaltäre freigelegt und restauriert.

1990 erfolgte die bislang letzte Außenrenovierung der Kirche, 1998 die des Turmes. [45]

Ausstattung

Fassadenmalereien

An der Ostseite des südlichen Seitenschiffs befindet sich im Giebel in einer Blendnische im unteren Teil ein extrem stark restauriertes, spätgotisches Wandbild mit zwei stehenden Heiligen, ursprünglich wohl die hl. Katharina (mit Schwert) und die hl. Barbara (mit Kelch und Hostie), darüber das stark restaurierte Bild eines hl. Christophorus, das 1593 von dem Maler Wolf Lechner geschaffen [46] und nach zwischenzeitlicher Übertünchung vermutlich 1974 wieder freigelegt wurde.

An der Südostseite der Sakristei befindet sich ein Wandbild mit einer Verkündigung aus dem 18. Jahrhundert. Das Bild wurde nach 1921 restauriert. [47]

Inneres, Wandmalereien vor 1750

An der Südostwand im Chor ist ein einfaches gotisches Apostelkreuz freigelegt.

Am Treppenturm unter der Empore ist ein Fragment mit Rollwerkmotiven etwa aus der Zeit um 1560/70 erhalten.

An der Westwand über der Orgel wurde 1973 ein großformatiges Wandbild freigelegt, das einen Baldachin zeigt, der von vier Engeln aufgehalten wird. Das Wandbild wurde vielleicht im Rahmen der Siftung einer neuen Orgel 1667 angebracht. [48]

Inneres, Wand- und Gewölbemalereien von 1750/52

Übersicht zu den Wand- und Gewölbemalereien von 1750/52

Die Wand- und Gewölbemalereien von Johann Paul Kurz d. J. (Signatur im Gewölbe über der Westempore) sind vollständig auf die Kirchenpatronin und ihr Gnadenbild im Hochaltar bezogen. Ihr Hauptgedanke ist Maria als mächtige Schutzherrin der Stadt, daneben auch als Fürbitterin der sündigen Menschen und als Inbegriff der Mutterschaft. Wesentliche Elemente sind auch das Lob Mariens und ihre Verehrung durch die Stadt Wasserburg. Die Malereien umfassen Darstellungen der hl. Dreifaltigkeit (über dem Hochaltar) und der Anbetung Mariä, Szenen aus der lauretanischen Litanei, Bilder von Marienfesten und von Frauengestalten aus dem Alten Testament als Antetypen Mariä. [49] Im Einzelnen finden sich im Scheitel des Mittelschiffgewölbes von Ost nach West die Glorie der hl. Dreifaltigkeit, die Stadt Wasserburg weiht sich Maria, die Verehrung des Namens Maria durch die vier Erdteile und über der Orgelempore ein Bild mit Musikinstrumenten. Umgeben werden die Bilder von Marienemblemen zwischen den Stichkappen, das Bild mit den Musikinstrumenten von zwei weiteren Instrumenten. In den Zwickeln im Chorschluss befinden sich vier Kartuschen mit den Wappen Bayerns und Wasserburgs, der Widmungsinschrift "PROTECTRICI NOSTRAE" (unserer Beschützerin) und der Jahreszahl "ANNO M.DCCL." (1750). An den Mittelschiffhochwänden sind 14 Marienfeste dargestellt. In den Scheiteln der Seitenschiffgewölbe sind acht antetypische Vorbilder Mariä aus dem Alten Testament angebracht: im nördlichen Seitenschiff von Ost nach West Esther, Abigail, Das Weib von Thekua und Judith. Im südlichen Seitenschiff Sara, Rebekka, Michol und Jahel. Schließlich tritt Maria an der Westwand der Seitenschiffe noch als Fürbitterin (nördlich) und als Beschützerin auf.

Altäre

Der Hochaltar wurde 1696 errichtet (Jahreszahl im Auszug). Er enthält das Gnadenbild der Thronenden Madonna aus der Zeit um 1420/30. Das Hintergrundbild für das Gnadenbild wurde wie das datierte und signierte Auszugsbild von dem Wasserburger Maler Gregor Sulzböck angefertigt, es zeigt die Dreifaltigkeit, von Engeln umgeben, und im unteren Teil eine interessante, detailreiche Ansicht Wasserburgs. [50]

Die vier Seitenaltäre sind ebenfalls um 1700 entstanden.

Gnadenbild

Das Gnadenbild vor der Restaurierung 1954
Das Gnadenbild nach der Restaurierung 1954

Das Gnadenbild der thronenden Madonna aus der Zeit um 1420/30 wurde in der Barockzeit bekleidet [51] und dafür umgearbeitet: die geschnitzten Haare Mariä und des Jesuskindes wurden entfernt, wobei vielleicht auch die Ohren der Gottesmutter neu hergestellt wurden, ihre geschnitzte Krone wurde durch eine metallene ersetzt. Ebenso wurde vermutlich ihr Oberkörper im Brustbereich abgearbeitet (Schleier, Gewandsaum), der untere Gewandsaum wurde halbrund beschnitten. 1954 wurde die Skulptur dann durch den Holzbildhauer Hermann Hutter aus Buchenhain bei München und den Fassmaler- und Vergoldermeister Otto Wimmer aus München in starker Anlehnung an die Seeoner Madonna im Bayerischen Nationalmuseum umfangreich ergänzt und wiederhergestellt. Dies führte in der Folge dazu, dass die Skulptur dem Salzburger Kunstkreis mit Nähe zur Werkstatt des Meisters von Seeon zugeordnet wurde. Aufgrund der überlieferten gravierenden Abarbeitungen an der originalen Skulptur ist hier eine Neubewertung notwendig. [52]

Kanzel

Die stuckierte Kanzel stammt von 1753, ist jedoch noch mit Laub- und Bandwerkmotiven des frühen Rokoko verziert.

Votivbilder

An der Seitenwand des südlichen Seitenschiffs befinden sich zwei Votivbilder zu den Brandereignissen von 1668 und 1730 (Blitzeinschläge in die Turmspitze).

Quellen

Nadler, Frauenkirche.

Literatur

Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2089-2094.
Brunhuber, Bäckenzunftordnung 1586.
Brunhuber, Frauenkirche, Votivtafeln und Inschriften.
Brunhuber, Frauenkirche, Inventarium 1644.
Brunhuber, Frauenkirche, Geschichte.v Feulner, Frauenkirche.
Birkmaier, Frauenkirche, Messgewänder 1432.
Steffan, Geschichte, die im Boden steckt.

Zu Grabungsbefunden auf dem Platz vor der Frauenkirche:
Steffan, Herrengasse 15.

Zu einer Altarstiftung in der Frauenkirche:
Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien.
Steffan, Frauenkirche, gotische Steinmetzkunst.
Steffan, Frauenkirche, Madonna.

Empfohlene Zitierweise:

Gerald Dobler, Frauenkirche, publiziert am 07.01.2020; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Frauenkirche (22.02.2020)
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  1. Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2090; Feulner, Frauenkirche, 36.
  2. Feulner, Frauenkirche, 12.
  3. Feulner, Frauenkirche, 11.
  4. Feulner, Frauenkirche, 12.
  5. Feulner, Frauenkirche, 25f. sieht den Turm als älter als die Kirche an, sie gibt für seine Errichtung um 1300 an. Ihr zufolge befand sich (nach einer Überlieferung erst des 18. Jh.) der Turm ursprünglich in herzoglichen Besitz und war Bestandteil der Stadtbefestigung, was eher unwahrscheinlich erscheint.
  6. Ein Dachanschluss ist jedoch nicht eindeutig zu erkennen.
  7. Vgl. den etwas älteren, spätromanischen Westturm der Wallfahrtskirche St. Wolfgang zu Berg bei Altenmarkt a. d. Alz mit einer entsprechenden, nördlich und südlich offenen Halle. In der Frauenkirche erfolgt der Zugang zum Turm heute von der Empore aus durch eine Türöffnung. Hier und im 2. Geschoss darüber (Geschoss mit Uhrwerk) befanden sich ursprünglich zwei großformatige spitzbogige Wandöffnungen.
  8. Das Maßwerk des nördlichen Fensters ist ausgebrochen. Im Geschoss darunter finden sich in der Nord- und Südwand zwei vermauerte kleinere spitzbogige Fenster mit Nasen.
  9. Über dem Geschoss ist ein Absatz im Mauerwerk vorhanden, darüber sind die Turmwände etwas dünner.
  10. Nadler, Frauenkirche, 6 vermutet, dass der Turm möglicherweise nachträglich an das Mittelschiff angefügt wurde.
  11. So auch Feulner, Frauenkirche, 32f.
  12. So auch Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2093.
  13. Vgl. Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2089, 2091. Nach Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2089 heißt der Meister Paulus Veiner, genannt der Vorgeher. Ebenso Feulner, Frauenkirche, 12. Die Quittung nennt "acht pogen gewelb pogen und andere arbait" (Nadler, Frauenkirche, 22). Bei je vier weiten und flachen Bögen in den Mittelschiffwänden über den Seitenschiffgewölben handelt es sich um bauzeitliche Entlastungsbögen. Nadler, Frauenkirche, 7 nimmt für 1386 die Errichtung der beiden Seitenschiffe und für diese Flachdecken oder offene Dachstühle an.
  14. Die Tonne erscheint jeweils zwischen den Rippen zwischen den Stichkappen leicht gebust.
  15. Nadler, Frauenkirche, 7f. gibt dagegen fälschlich die Einwölbung des Langhauses in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, wohl im Rahmen einer größeren Umbaumaßnahme um 1488, an. Nach Feulner, Frauenkirche, 13 werden für 1488 jedoch nur Ausbesserungen an den Mauern und eine Tünchung der Kirche genannt. Die These Nadlers geht offenbar auf Siegfried Pückler-Limburg, Kunstschätze am Inn, in Bayerland 61 (1959), 258-263, hier 258 zurück, der nach Feulner, Frauenkirche, 48 Anm. 22 die Seitenschiffgewölbe um 1386 und das Mittelschiffgewölbe um 1450 datierte, da letzteres mit Werken der "Pürkhelschule im Alztal" vergleichbar sei.
  16. Die Schildrippen sind an den Seitenwänden einfach mit Schräge ausgeführt, an der Westwand profiliert. Auch das obere Ende der Mittelschiffwände oberhalb des Gewölbes erscheint verändert, wohl in Zusammenhang mit dem Gewölbeeinbau. Einige größere unregelmäßige Ausbrüche in den beiden Wänden bedürfen noch einer Erklärung.
  17. Feulner, Frauenkirche, 34.
  18. So auch Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2091.
  19. In Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2091 wird das Gewölbe noch als "dick übertüncht" beschrieben. Es wurde demnach erst in jüngerer Zeit wieder freigelegt. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 143 nimmt unter Berufung auf Volker Liedke an, dass die Schlusssteine im Mittelschiff und in der Sakristei bereits der Mitte des 14. Jahrhunderts entstammen könnten.
  20. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 143, Anm. 4 gibt an, dass die Schlusssteine später teilweise in anderen Kirchen und in Profanbauten eingebaut wurden, Steffan, Frauenkirche, gotische Steinmetzkunst, dass sich Schlusssteine im Gewölbe der Achatzkirche und im Museum Wasserburg befinden. Nach mündlicher Auskunft stammen die drei Schlusssteine am Westportal der Kirche von Eiselfing, ein größerer Stein mit einem Christushaupt und zwei kleinere Steine mit einem Löwen und einem Monster ohne Arme und mit Menschenkopf gesichert aus der Frauenkirche. Nimmt man im Mittelschiffgewölbe Schlusssteine an sämtlichen Rippenkreuzungen an, ergeben sich insgesamt 44 Stück, dazu kommen acht Schlusssteine in den Seitenschiffen, gesamt also 52 Stück. Nachdem im Mittelschiff drei Schlusssteine in Situ erhalten sind, wurden maximal 49 Stück entfernt.
  21. Vgl. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 143.
  22. Ein Fries, ursprünglich wohl für die Bemalung mit Maßwerk vorgesehen, tritt nur außen am Chor in Erscheinung.
  23. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 143.
  24. Zumindest die südlichen Giebel stoßen stumpf an die Mittelschiffwand.
  25. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 143.
  26. In Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2089 wird 1501-1502 angegeben.
  27. Feulner, Frauenkirche, 26. Zuvor befand er sich angeblich in herzoglichem Besitz, die Pfarrei bezahlte jedoch schon am Anfang des 16. Jh. für die Unterhaltung des Turms.
  28. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 142 gibt die Errichtung der Kirche nach dem ersten Erwähnung von St. Jakob 1255 zwischen 1255 und vor 1324 an.
  29. Zu St. Ulrich siehe: Christof Hangkofer, St. Ulrich in Regensburg. Architektur im Umbruch einer Stadt. Diss. 1998; Achim Hubel, Die Ulrichskirche in Regensburg. Überlegungen zum Stand der Forschung, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 140 (2000), 85–104.
  30. Zu diesen Dächern könnten Öffnungen knapp unter den vorhandenen Streichbalken an der Mittelschiffwand gehören, die analog vielleicht Spuren von Balkenauflagern für Streichbalken darstellen.
  31. Nadler, Frauenkirche, 5ff. vermutet, dass das Mittelschiff der Kirche älter als die Seitenschiffe sei und den ursprünglichen, einschiffigen Kirchenbau darstelle, wie ihm zufolge mehrere Befunde nahelegen: An der Nord- und Südwand des Mittelschiffs wären über dem Gewölbe demnach mehrere vermauerte Fensteröffnungen vorhanden, von denen zumindest die nördlichen offenbar rundbogig seien und somit wohl in vorgotischer Zeit entstanden seien. Er nennt außerdem die Baufugen zum südlichen Seitenschiff, die jedoch nur die Nachträglichkeit von dessen Giebelwänden wahrscheinlich machen. Das heutige Mittelschiff sei aufgrund der beschriebenen hochliegenden Fensteröffnungen als ursprünglich flachgedeckt oder mit offenem Dachstuhl zu denken. Die Thesen von Nadler erscheinen nicht stichhaltig. Insbesondere die von ihm angegebenen rundbogigen Fensteröffnungen in den Hochwänden des Mittelschiffs sind nicht nachweisbar. Die bis zum Gewölbe hochgeführten Dienste im Mittelschiff und die ursprünglichen Strebebögen an demselben über den Seitenschiffen sprechen für eine bereits ursprünglich geplante Einwölbung des Mittelschiffs.
  32. Bezold, Bezirksämter Traunstein und Wasserburg, 2093; Dehio 2006, 1358: 2. H. des 16. Jh.
  33. Nadler, Frauenkirche, 11.
  34. Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien, 517. Feulner, Frauenkirche, 45 vermutete als Entstehungszeit zwischen 1620 und 1680.
  35. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 144.
  36. Nadler, Frauenkirche, 12.
  37. Nadler, Frauenkirche, 13f.
  38. Nadler, Frauenkirche, 14f.
  39. Nadler, Frauenkirche, 16f.
  40. Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien, 505.
  41. Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien, 505.
  42. Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien, 505.
  43. Handschriftliche Tagebuchaufzeichnungen des Stadtarchivars Josef Kirmayer, nach Auer, Hermann, der Landkreis Wasserburg im Dritten Reich, Wasserburg 2005, 645f.
  44. Nadler, Frauenkirche, 18f.
  45. Nadler, Frauenkirche, 19f.
  46. Feulner, Frauenkirche, 14f.
  47. Feulner, Frauenkirche, 22.
  48. Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien, 517.
  49. Zu den Malereien ausführlich Bauer-Wild, Frauenkirche, Wandmalereien.
  50. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 144. Ein dem Hintergrundbild ähnliches, datiertes und signiertes Bild Sulzböcks befindet sich in der Kirche in Ebrach.
  51. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 144.
  52. Steffan, Frauenkirche, Madonna, 152-159.