Dreißigjähriger Krieg

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Manuel Schwanse

Dreißigjähriger Krieg (1618 – 1648) – Die sozialen Folgen für die Bevölkerung

Einführung

Der Dreißigjährige Krieg brachte unsägliches Leid über die Zivilbevölkerung.[1] Einquartierungen, Schikanen der beherbergten Regimenter, Kriegskontributionen und Seuchen bestimmten den Alltag der Menschen – auch im über weite Strecken nicht unmittelbar von Kampfhandlungen betroffenen Wasserburg am Inn. Denn die vermeintlich eigenen, die kaiserlichen und bayerischen Truppen plünderten und mordeten kaum weniger als die feindliche Soldateska. 1632 kamen erstmals feindliche Truppen in das Territorium des Kurfürstentums Bayern, wo sie bis zum Jahr 1634 verblieben. In dieser Phase hatte die Wasserburger Bevölkerung massiv unter den indirekten Folgen des Krieges zu leiden. Erst im letzten Kriegsjahr 1648 war das Gebiet am Inn direkt von Feindeinwirkung betroffen und es bestand die Gefahr, dass Schweden und Franzosen den Inn überschreiten, um nach Österreich vorzudringen.[2] In dieser Phase wurde Wasserburg drei Tage von Schweden und Franzosen belagert. Der schwedisch-französische Vormarsch fand in Wasserburg seine Grenze und der Inn wurde für Habsburg zum rettenden Schutzwall.

Der schwedische Krieg (1632 – 1634)

Am 15. April 1632 kam der Dreißigjährige Krieg nach Bayern, als Gustav Adolf[3] bei Rain am Lech den Flussübergang erzwang. In den folgenden Wochen konnte er Augsburg, Landshut und Freising erobern und am 17. Mai in München einziehen.[4] Nun bestand für Wasserburg erstmals im Krieg direkte Gefahr, denn es war das Kriegsziel Gustav Adolfs, das habsburgische Erbland anzugreifen.[5] Wegen der undurchsichtigen strategischen Lage zog Gustav Adolf allerdings am 7. Juni 1632 mit der Hauptmacht seines Heeres von München Richtung Augsburg ab. Dennoch war die Sorge der Bevölkerung östlich des Inns groß. Maria Magdalena Haidenbucher, Äbtissin von Frauenwörth, vermerkte in ihrem Tagebuch, dass Sich aber Jeder man besorgt hat. es mechte sich villeicht die schwedische Macht ersterckhen vnd auf waserburg khumben.[6] Zwar drangen schwedische Truppen in den nächsten Wochen noch weiter nach Osten vor, doch handelte es sich dabei nur um kleine, streifende Reitertrupps, die der befestigten Stadt Wasserburg nicht gefährlich werden konnten. Grundsätzlich sind die Sorgen der Äbtissin Haidenbucher nachvollziehbar. Der Inn und insbesondere Wasserburg war ein Schutzwall für die Gebiete östlich davon, damit auch für das Gebiet um den Chiemsee. Würde der Feind den Inn überschreiten, wäre es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Kloster Frauenwörth im Chiemsee von der feindlichen Soldateska geplündert würde. Im November 1632 fiel Gustav Adolf bei Lützen. Die Kämpfe seiner Nachfolger mit den kaiserlich-bayerischen Truppen zogen sich über Monate hin und verwüsteten das Kurfürstentum schrecklich.[7] Im letzten Jahresviertel 1633 wurden die kriegerischen Auseinandersetzungen wieder intensiver. Da der bayerische Kurfürst Maximilian I. nicht absehen konnte, wie weit die feindlichen Truppen nach Osten vordringen würden, befahl er vorsorglich, die Innlinie an den Standorten Wasserburg, Braunau, Schärding und Passau zu verstärken.[8] Im Juni 1634 gelang es kaiserlich-bayerischen Truppen, das von Schweden besetzte Regensburg zu erobern. Nach der schweren Niederlage der Schweden am 6. September 1634 bei Nördlingen konnte Bayern von der schwedischen Besatzung befreit werden.[9]

Einquartierungen

Brief des Kurfürsten vom 24. Mai 1632 an die Stadt Wasserburg

Nach der Invasion Gustav Adolfs begann für die Wasserburger Bevölkerung eine von Drangsalen und Entbehrungen geprägte zweieinhalbjährige Leidenszeit. Das zunächst nur aus Landvolk[10] aus den umliegenden Gerichten bestehende Verteidigungskontingent wurde Ende April durch kaiserlich-bayerische Soldaten verstärkt. In den folgenden Monaten waren permanent Soldaten einquartiert, für die Verpflegung aus der Bevölkerung aufgebracht werden musste. Hinzu kam die Versorgung der Pferde mit Hafer, Heu und Stroh. Vermutlich mussten die rund 1.000 Wasserburger einer etwa gleichen Anzahl an Soldaten samt Gefolge Unterkunft und Verpflegung bieten.[11] Neben den Familien der Soldaten und den Dienern der Offiziere war im Dreißigjährigen Krieg marodierendes Gesindel Teil des Trosses. Die Gefolgschaft der Truppen führte dazu, dass sich die unterzubringende und zu verpflegende Zahl von Menschen verdoppelte.[12] In einem Brief vom 21. Mai 1632[13] berichten Bürgermeister und Rat dem Kurfürsten von 1.250 Einquartierten. Der Rat beschwert sich, dass die arme burgerschafft […] den geworbnen essen und trinkhen raichen solle. Es wird argumentiert, dass die Bürger den Soldaten nichts schuldig wären und sich die Einquartierten Essen und Trinken von ihrem Monatssold kaufen sollten. Ligerstatt, holz, licht unnd salz werden hingegen gehorsam bereitgestellt. Am 24. Mai 1632[14] kam aus Salzburg eine kurze Antwort des bayerischen Kurfürsten Maximilian I. auf die Beschwerde des Rats der Stadt Wasserburg, in der er mitteilte, dass die notturfft[15] der Soldaten sichergestellt werden musste. In einem weiteren Brief teilten die kurfürstlichen Räte der Stadt mit, dass die Bürger froh sein sollten, dass sie die Soldaten nicht bezahlen mussten. Hinzu kommt, dass dise einquartierung der soldaten zu euhrer burgerschafft und der ihrigen defension und beschuzung maistens gemaint und angesechen is.[16] Die Tagesrationen für die Soldaten wurden vom Kurfürsten per Befehl festgelegt: Jeder Soldat sollte täglich zweieinhalb Pfund Brot, eineinhalb Pfund Fleisch und zwei Maß Bier erhalten. Es verwundert kaum, dass die Bürgerschaft bei der Anzahl an Soldaten, deren Gefolge und den Pferden, die täglich versorgt werden mussten, über den kurfürstlichen Befehl nicht erfreut war. Daher schließen Bürgermeister und Rat den Brief mit der Bitte, daß den soldaten ihre monatsold richtig bezalt [wird], darmit sie inen die notturfft essen und trinkhen selbs khauffen mögen, oder ein provianthaus lassen aufrichten, daraus inen die rationes täglich geraicht werden.[17] Ob diese Bittschriften große Wirkung auf Maximilian hatten, ist zumindest fragwürdig. Beschwerden und Klagen über die Belastungen durch Einquartierungen wird der Kurfürst aus vielen Städten und Märkten erhalten haben. Doch gab es zu einer Versorgung der Soldateska durch die Bürger keine Alternative. Daher blieb Maximilian I. oft nichts anderes übrig, als die Hilferufe seines Volkes zu ignorieren oder es zu vertrösten. Im November 1632 erreichte die Stadt Wasserburg ein kurfürstlicher Befehl, der die Not der Bevölkerung noch größer werden ließ. Bisher versuchte Maximilian I. die Räte der Stadt Wasserburg dadurch zu beschwichtigen, dass die Bürger die Soldaten nur verpflegen und nicht bezahlen müssten. Ende des Jahres mussten die Wasserburger zusätzlich die Besoldung der Truppen übernehmen. Durch eine Zusammenfassung der Belastungen der letzten Monate versuchte der Rat der Stadt Wasserburg den Kurfürsten davon zu überzeugen, die Stadt und die Bürgerschaft von der Besoldung der Soldaten zu verschonen:

Maximilian I. von Bayern (1573 – 1651)
Was hiesige arme burgerschafft von denen in quarnison gelegnen reitern und fueskhnechten, auch willen starckhen durchzigen […] darbei gmainer statt unnd der burgerschafft mit essen und trinkhen, erkhauffung habern, hey unnd srey[18], sambt andern ausgaben, yber disß was selbigen destruirt und entwendet worden, in die 20 oder mehr tausent gulden aufganngen.[19]

Wir können nicht nachvollziehen, ob die Spesen der Bürger tatsächlich 20.000 Gulden oder mehr betrugen. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der wirtschaftliche Schaden im Dezember 1632 nach über siebenmonatiger Einquartierung für die Stadt und vor allem für die Bürger enorm gewesen sein muss. Den Winter 1632/1633 wollte Maximilian zur Auffüllung seiner dezimierten Truppen nutzen. Als Rekrutierungsplätze eigneten sich die vom Krieg bisher verschonten Gebiete am Inn. So kam zu der Unterbringung der bereits in Wasserburg liegenden Truppen nun die Verpflegung der neu rekrutierten Soldaten hinzu. Neben dem schon länger in Wasserburg liegenden Regiment kamen im Januar 1633 zusätzliche 1.000 Mann und 100 Pferde. Insgesamt mussten also deutlich mehr Soldaten versorgt werden, als Bürger in der Stadt waren. Die Quartierlasten setzten sich auch im Kriegsjahr 1634 fort. Zu der Last der Einquartierung und Verpflegung der Soldaten kamen Schikanen und Gewaltdelikte der Soldateska. Zudem wurde mit Plünderungen gedroht, wenn sich die Bürger gegen die Soldaten auflehnen würden.[20] Mitte Juli 1634 verschlimmerte sich die Lage weiter, denn die Schweden drangen von Augsburg nach Osten vor und eroberten am 22. Juli Landshut. Zu den bereits existierenden Bedrückungen kam nun zusätzlich die Last der Verteidigung. Konkret bedeutete dies eine weitere Zunahme der Einquartierungen an kaiserlichen und bayerischen Soldaten sowie die Pflicht zu Scharwerksdiensten. Die Julitage zwischen dem Verlust Landshuts an die Schweden und die Rückeroberung Regensburgs durch die Kaiserlichen brachten Wasserburg die letzten hohen Einquartierungslasten in den Kriegsjahren 1632 – 1634.[21] Einem Dokument vom 24. Juli 1634 ist zu entnehmen, dass 647 Soldaten untergebracht werden mussten. Hinzu kam das Gefolge der Soldateska, bestehend aus 179 Frauen, 83 Kindern und 111 Dienerinnen und Dienern. Darüber hinaus brachten sie über 200 Pferde mit, die versorgt werden mussten. Für den Monatssold der Offiziere und Soldaten sowie die Futterkosten für die Pferde veranschlagte die Stadtkammer 6.571 Gulden.[22] Erschwerend hinzu kam die drangvolle Enge, mit der Wasserburg durch die Einquartierungen konfrontiert war. Für die rund 1.000 Bürger und eine ebenso große Menge an Soldaten samt Tross gab es wegen des umlaufenden Flusses keine Ausweichmöglichkeiten. Zwar liegen über die sanitären Verhältnisse keine Berichte vor, doch mussten diese in einer mit Menschen überfüllten Stadt im Dreißigjährigen Krieg katastrophal gewesen sein. Vor dem Hintergrund der schlechten hygienischen Verhältnisse und der mangelnden medizinischen Versorgung verwundert es kaum, dass sich Krankheiten und Seuchen wie die Pest in Wasserburg schnell ausbreiten konnten.

Liste vom 24. Juli 1634

Scharwerksdienste und Schanzarbeiten

Am 17. April 1632, zwei Tage nachdem Gustav Adolf den Lech überquerte, kam der Befehl von Kurfürst Maximilian, die Befestigungsanlagen in Wasserburg zu verstärken.[23] Dies zeigt die Bedeutung der Stadt Wasserburg und des Inns als Schutzwall für das Land östlich davon. Für die Verstärkung der Befestigungsanlagen wurden Scharwerksdienste eingefordert, die für die Bevölkerung eine besonders große Belastung darstellten, da die Bürger grundsätzlich verpflichtet waren, diese Arbeit umsonst zu verrichten. Neben den Schanzarbeiten an der Festung in Wasserburg waren Scharwerksfuhren eine zusätzliche kriegsbedingte Last für die Bevölkerung der Innstadt. Maximilian I. echauffiert sich in einem an die Stadt Wasserburg gerichteten Brief[24] über die Weigerung der Wasserburger, Scharwerksfuhren nach München zu tätigen. Es sollten zwei Kartaunen und drei Haubitze[25] nach München gebracht werden. Bürgermeister und Rat der Stadt Wasserburg argumentierten daraufhin, dass die Bürger durch Getreidefuhren und Scharwerksfuhren zum Ausbau der Befestigungsanlagen in Wasserburg bereits ausgelastet seien.[26] Auch im Kriegsjahr 1633 war eine stark befestigte Stadt Wasserburg für den Kurfürsten von großer Bedeutung, da die Schweden den Inn bei Wasserburg aufgrund der natürlichen Lage der Halbinsel nur nach einer Einnahme der Stadt hätten überschreiten können. Daher befahl Maximilian I. das angefangene fortificationswesen[27] […] forthsezen zelassen[28] Mit dem Argument, dass diese Arbeiten zur defenßion des vatterlandts beitragen, versucht der Kurfürst an die Vaterlandsliebe der Bevölkerung zu appellieren. Da Patriotismus alleine womöglich nicht ausreicht, um die Bürger für die unbeliebte Scharwerksarbeit[29] zu motivieren, folgt zum Schluss des Briefes eine Drohung: Solten wir aber erfahren, das die underthannen sich fahrlessig ungehorsam und widersessig […] erzaigen sollen, so wollen wir gegen solchen ungehorsamen wolempfindtliche straff vornemmen. Neben einer Zunahme der Einquartierungen hatte die Eroberung Landshuts durch die Schweden am 22. Juli 1634 auch zur Folge, dass die Bürger Wasserburgs erneut zu Scharwerksdiensten und Schanzarbeiten verpflichtet wurden. Durch einen Ausbau der Festung sollte Wasserburg uneinnehmbar gemacht und ein möglicher Vorstoß der Schweden am Inn gestoppt werden.

Kriegskontributionen

Brief des Kurfürsten vom 17. März 1633 an die Stadt Wasserburg

Neben den Belastungen durch die Einquartierungen und Scharwerks- und Schanzarbeiten brachte das Jahr 1633 noch die Einführung einer Kriegssteuer mit sich. Kurfürst Maximilian I. sah sich in Folge des entbehrungsreichen Jahres 1632 veranlasst, eine allgemeine Kontribution zu erheben. Grundlage der Kriegssteuer war ein kurfürstliches Mandat vom 10. Januar 1633. Um das Kurfürstentum verteidigen zu können, sei es nötig, daß auch alle die jenige, welche solcher defension, und beschutzung geniessen, unndt im landt gesessen seyn […] zu fortsetzung und erhaltung solchen gemainnutzigen defensionwercks, darzu gehörigen mittln und unkosten […] das ihrige beysetzen und zuschiessen.[30] Die Kriegssteuer wurde nicht nur von der Stadt, sondern auch von den Bürgern eingetrieben. Sie mussten, ungeachtet ob sie bedürftig oder vermögend waren, von 100 Gulden ihres ganzen Vermögens monatlich drei Kreuzer entrichten. Mit dem Hinweis auf die permanenten Einquartierungen von kaiserlichen Soldaten versuchte die Stadt Wasserburg vergeblich eine Befreiung von der Kriegssteuer zu erwirken.[31] Am 17. März 1633[32] erreichte Bürgermeister und Rat der Stadt Wasserburg ein Schreiben des Kurfürsten, in dem Maximilian I. mit Missfallen feststellte, dass die Stadt dem hochnothwendige[n] contribution wesen bißhero nicht mit schuldigstem vleiß und eiffer nachgegangen sei. Es folgt ein dringender Befehl, die Kriegssteuer in Zukunft zu entrichten. Aus einem Brief des Rates der Stadt Wasserburg an den Kurfürsten ist zu entnehmen, dass der Stadt durch den Pfleger mitgeteilt worden sei, dass zur Verpflegung der Soldateska monatlich 2.150 Gulden aufgebracht werden müssen.[33] Diese Summe könne von der verarmten Bürgerschaft nicht eingetrieben werden. In einem Befehl vom 15. Februar 1634 an den Pfleger zu Wasserburg legte Maximilian I. die monatliche Kriegssteuer für Wasserburg auf 1.457 Gulden fest.[34]

Der Bauernaufstand (1633/1634)

Nicht nur die Bürger der Stadt Wasserburg, auch die Bauern in den umliegenden Gebieten waren von den indirekten Folgen des Krieges und dabei insbesondere von den Einquartierungen betroffen. Ihre Wut über die Plünderungen der kaiserlichen und ligistischen Truppen entlud sich im Bauernaufstand von 1633/1634.[35] Die Soldaten lagen im Winterlager. Da Unterbringung und Verpflegung der Truppen in den stark vom Krieg betroffenen Gebieten zwischen Lech und Isar kaum möglich war, musste die Bevölkerung in den Landgerichten zwischen Isar und Salzach die Regimenter aufnehmen. Dabei scheinen die Städte, Märkte und Dörfer am Inn bevorzugt als Lagerplätze ausgewählt worden zu sein.[36] Auslöser des Aufstandes war die Weigerung der Bauern am 3. Dezember 1633 im Gericht Kling, Scharwerksfuhren zum Transport schwedischer Gefangener zu leisten. Einen Tag später versammelte sich eine große Anzahl bewaffneter Bauern vor Wasserburg.[37] Kurfürst Maximilian I. entschloss sich, zunächst Milde walten zu lassen und versuchte die Bauern zu beschwichtigen, was nicht gelang. In den ersten Tagen des Jahres 1634 drohte die Situation zu eskalieren. Westlich und östlich des Inns hatten sich Tausende von bewaffneten Bauern versammelt. In der Stadt Wasserburg lagen nach wie vor einige Hundert Soldaten in ihren Quartieren. Ein Aufeinandertreffen der beiden Parteien wäre für die Stadt Wasserburg katastrophal gewesen. Der Kurfürst entschloss sich, den Bauern entgegenzukommen und die Gebiete östlich des Inns zu von Einquartierungen zu verschonen. Die Bevölkerung westlich des Flusses musste der Soldateska weiterhin Unterkunft und Verpflegung bieten. Was den Kurfürsten dazu bewog, statt der durch den Krieg stärker betroffenen Bevölkerung westlich des Inns die Menschen östlich des Flusses zu entlasten, bleibt unklar. Dass der Aufstand unter diesen Umständen nicht ohne Blutvergießen zu Ende gehen konnte, war abzusehen. Am 18. Januar 1634 kam es bei Ebersberg zu einem Aufeinandertreffen von Bauern und Soldaten, bei dem etwa 200 Bauern umkamen. Das von den Bürgern und dem Rat befürchtete Aufeinandertreffen der Bauern und der Soldateska in Wasserburg blieb aus.

Die Pest (1634/1635)

Die Pest drang vom Westen her in das Kurfürstentum Bayern ein und erreichte Mitte August 1634 München. Was den Schweden in den zurückliegenden Jahren nicht gelang, das schaffte die Pest: Sie erreichte den Inn und verlangte der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten große Opfer ab. Die ersten Pesttoten gab es in Wasserburg im Oktober 1634, ab November grassierte die Seuche gnadenlos in der Stadt am Inn und erreichte Ende des Monats ihren Höhepunkt.[38] Der Rat fasste zahlreiche Beschlüsse mit dem Ziel, die Krankheit aufzuhalten. So wurden Erkrankte unter Quarantäne gestellt und mit Medikamenten wie Aloe, Olivenöl oder Zitrone behandelt, doch konnten diese kaum einen Betroffenen retten. Die Verzweiflung der Wasserburger über die nicht aufzuhaltende Pest zeigt sich in dem Pestgelübde vom 8. Dezember 1634. In diesem erkannten die Wasserburger die Seuche als gerechte Strafe Gottes für ihre Sünden an und baten Gott um Befreiung von der Pest. Dafür versprachen sie, die Pfarrkirche St. Jakob zu renovieren, womit sie schon im Jahr 1635 begannen.[39] An das Pestgelübde erinnert eine 1653 gefertigte Votivtafel, die heute noch in der Sebastianskapelle der Pfarrkirche zu sehen ist. Im Januar 1635, als die Wasserburger das Schlimmste überstanden hatten, vermerkt Maria Magdalena Haidenbucher in ihrem Tagebuch, dass die Pest auch zu wasserburg starkh ein griffen. [und] dz manichen dag bey hundert menschen gestorben sind.[40] Wasserburg hatte etwa 1.000 Bewohner. Wenn an einigen Tagen hundert Menschen der Pest zum Opfer gefallen wären, wäre die Stadt nach der Pestwelle menschenleer gewesen, was sie aber nicht war. Auch in der Forschungsliteratur[41] unterscheidet sich die angesetzte Anzahl der Pestopfer. Am realistischsten ist vermutlich die Schätzung von rund 500 durch die Pest gestorbenen Stadtbewohnern.[42] Es sollte ungefähr 65 Jahre dauern, bis in Wasserburg wieder so viele Menschen lebten wie vor der Pestwelle von 1634/1635.

Der schwedisch-französische Krieg (1635 – 1648)

Mit dem Sieg über die Schweden bei Nördlingen am 6. September 1634 war der Krieg noch nicht vorbei. Die Franzosen traten an die Seite der Schweden in den Krieg ein und leiteten damit die letzte und längste Phase des Dreißigjährigen Krieges ein. Bis zu seinem Tod in der Schlacht bei Alerheim am 3. August 1645 gelang es General Mercy, den Feind von Bayern fernzuhalten. Da deshalb keine oder nur sehr wenige kaiserlich-ligistische Soldaten im südöstlichen Teil des Kurfürstentums einquartiert werden mussten, konnten sich Wasserburg und andere durch die Kriegslasten der Jahre 1632 – 1634 stark betroffenen Orte am Inn regenerieren. Im August 1646 vereinigten sich die französische und schwedische Armee und zogen mit ganzer Macht auf Bayern. Aufgrund der nahen Feindesgefahr zog sich der Kurfürst im September 1646 mit seinem Hofstaat nach Wasserburg zurück. Zudem leitete er, mit Hilfe eines eigens dafür angefertigten riesenhaften Plans des Innstroms, Maßnahmen zum Schutz der Verteidigungslinie am Inn ein.[43] Das Land zwischen Lech, Isar und Donau wurde in den folgenden Wochen noch schonungsloser verwüstet als bei dem ersten Feindeseinfall 1632.[44] Dass für Wasserburg 1646 keine direkte Feindesgefahr bestand, lag an der politisch begründeten Weigerung des französischen Feldmarschalls Turenne, dem Plan des schwedischen Generals Wrangel folgend, die Isar bei Freising zu überqueren, um das östliche Bayern zu verheeren.[45] In der befestigten Stadt Wasserburg blieb Maximilian I. rund sieben Monate. Die Entscheidung Maximilians für Wasserburg unterstreicht die Bedeutung der Stadt am Inn. Aufgrund ihrer durch den Inn und die Steilufer natürlich gesicherten Lage, aber auch wegen der durch die Schanzarbeiten von 1632 – 1634 gut ausgebauten Befestigungsanlage, konnte sich der Kurfürst in Wasserburg sicher fühlen. Zudem bestünde bei Feindesgefahr die Möglichkeit, von Wasserburg aus in das noch sicherere Burghausen oder über den Inn in die habsburgischen Erblande zu flüchten. Mit der Unterzeichnung des Ulmer Waffenstillstandes[46] auf dem Schloss zu Wasserburg am 14. März 1647 trennte sich Maximilian I. von Kaiser Ferdinand III[47]. Zwar brachte der Waffenstillstand Bayern für einige Monate Frieden mit Schweden und Franzosen und der Kurfürst konnte in seine Residenzstadt zurückkehren, doch fiel ihm der Entschluss zur Abkehr von seinem Verbündeten außerordentlich schwer.[48] Im September 1647 kündigte Maximilian I. den Ulmer Waffenstillstand und schloss sich erneut dem Kaiser an. Der bayerischen Bevölkerung brachte diese Entscheidung im letzten Kriegsjahr noch einmal großes Leid, da sich die Schweden an den Bayern für die Aufkündigung des Waffenstillstands rächen wollten.[49]

Caspar Merian: Die Belagerung Wasserburgs

Am 17. Mai 1648 wurden die kaiserlich-bayerischen Truppen bei Zusmarshausen von dem schwedisch-französischen Heer besiegt.[50] In den folgenden Wochen konnten Schweden und Franzosen Lech und Isar ohne größeren Widerstand passieren. Dabei wurde Bayern bis zum Inn verwüstet und geplündert. Nach Überschreitung der Isar, war es das nächste Ziel der feindlichen Truppen, den Inn zwischen Rosenheim, Wasserburg und Mühldorf zu passieren. Im Juni 1648 zogen Schweden und Franzosen mit fölliger Macht auf wasserburg an den Jstromb [Innstrom].[51] Um die Stadt und die Innlinie zu verteidigen, zog der Kurfürst vor und in Wasserburg etwa 2.500 Soldaten zusammen. Maximilian I. ahnte wohl, dass es das strategische Ziel der Schweden und Franzosen war, den Innübergang zu erzwingen und in das habsburgische Erbland vorzustoßen, als er schrieb, wenn auch dieser Fluß nicht verteidigt werden [könne] […] so würde sich bis zum adriatischen Meer keiner mehr finden, den man defendiren könnte.[52] Am 15. Juni 1648 trafen Schweden und Franzosen vor der westlich des Inns liegenden Stadt Wasserburg auf erbitterten Widerstand der Verteidiger. Am 16. Juni begannen die Belagerer die Beschießung der Stadt. Dass der Feind nach zweitägiger Beschießung der Stadt und unter großen Verlusten die Belagerung aufgab, lässt sich vermutlich mit der natürlich gesicherten Lage der Halbinsel und der stark befestigten Verteidigungsanlage erklären. Resigniert stellt General Wrangel fest, dass man in Wasserburg ohne Anwendung vieler Zeith und sonderlicher Ceremonien nit hineinkommen khönte.[53] Auf Seiten der Angreifer gab es vermutlich etwa 500 Tote und Gefangene.[54] Über die Verluste der Verteidiger schweigen die Quellen, vermutlich aber waren sie deutlich geringerer als die der Belagerer. Auch die Gebäudeschäden durch die schwedischen und französischen Geschütze hielten sich in Grenzen. Am 18. Juni 1648 zogen die feindlichen Truppen innabwärts und versuchten in Mühldorf den Inn zu überschreiten. Hier scheiterte man außer am Widerstand der Verteidiger vor allem an dem durch starken Regen hoch angestiegenen Inn. In der Folge zogen sich Schweden und Franzosen nach Norden zurück. Anfang August wurden die Soldaten aus Wasserburg abgezogen.[55] Am 24. Oktober 1648 endete der Dreißigjährige Krieg mit der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens. Neben der Angst vor Plünderung und Zerstörung der Stadt waren von Ende Mai bis Anfang August 1648 Einquartierungen und Schanzarbeiten die größten Belastungen für die Bewohner Wasserburgs. Besonders im Juni war die Stadt voll von Soldaten, die neben ihrem Sold auch Unterkunft und Verpflegung beanspruchten. Trotz diesen Verhältnissen waren die Belastungen des Jahres 1648 verglichen mit den Bürden, die der Wasserburger Bevölkerung in den Kriegsjahren 1632 – 1634 auferlegt waren, gering. Zwar wurde Wasserburg im letzten Kriegsjahr erstmals belagert, doch dies nur für drei Tage. Während die Stadt im Jahr 1648 etwa zweieinhalb Monate Einquartierungslasten zu tragen hatte, waren es zwischen 1632 und 1634 fast zweieinhalb Jahre. Kurfürst Maximilian I. stellte der Stadt Wasserburg als Belohnung für ihre Entbehrungen und die Verteidigung der Innlinie am 16. Januar 1649 ein Ehrendiplom aus.[56] Ferner erhielt die Stadt das Recht zur Getreideschranne.[57]


Empfohlene Zitierweise:
Manuel Schwanse, Dreißigjähriger Krieg, publiziert am 17.06.2019; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Drei%C3%9Figj%C3%A4hriger_Krieg (21.11.2019)


  1. Dieser Beitrag fußt auf Schwanse, Dreißigjähriger Krieg Wasserburg.
  2. Dieter Albrecht, Maximilian I. von Bayern 1573–1651, 1998, 1081.
  3. Marcus Junkelmann, Gustav Adolf (1594–1632). Schwedens Aufstieg zur Großmacht, 1993.
  4. Göran Rystad, Die Schweden in Bayern während des Dreißigjährigen Krieges, in: Hubert Glaser (Hg.), Um Glauben und Reich. Kurfürst Maximilian I. Beiträge zur Bayerischen Geschichte und Kunst. Band II/1, 1980, 424–435, hier 425.
  5. Martin Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg im Dreißigjährigen Krieg 1632–1634, 1986, 14–15.
  6. Maria Magdalena Haidenbucher, Geschicht Buech de Anno 1609 biß 1650. Das Tagebuch der Maria Magdalena Haidenbucher (1576–1650), Äbtissin von Frauenwörth, hg. v. Gerhard Stalla, 1988, 91.
  7. Rystad, Die Schweden in Bayern (wie Anm. 4), 426–427.
  8. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 62.
  9. Rystad, Die Schweden in Bayern (wie Anm. 4), 427–433.
  10. Kriegsdienst leistende Bauern und Bürger.
  11. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 24.
  12. Siegfried Fiedler, Kriegswesen und Kriegsführung im Zeitalter der Landsknechte, 1985, 162.
  13. Brief der Stadt Wasserburg vom 21. Mai 1632 an den Kurfürsten, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70 (=Altes Archiv, Kommunalarchiv, Ratsverwaltung mit Stadtgericht, Akten: Kriegslasten des Dreißigjährigen Krieges, 1619-1634).
  14. Brief des Kurfürsten vom 24. Mai 1632 an die Stadt Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  15. Existenzminimum.
  16. Brief der kurfürstlichen Räte vom 5. Juni 1632 an die Stadt Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  17. Brief der Stadt Wasserburg vom 8. Juni 1632 an den Kurfürsten, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  18. Hafer, Heu und Stroh.
  19. Brief der Stadt Wasserburg vom 15. Dezember 1632 an den Kurfürsten, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  20. Brief der Stadt Wasserburg vom 12. April 1634 an den Kurfürsten, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  21. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 139.
  22. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 141.
  23. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 23.
  24. Brief des Kurfürsten vom 3. November 1632 an die Stadt Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  25. Schwere Geschütze des 16. und 17. Jahrhunderts.
  26. Brief der Stadt Wasserburg vom 5. November 1632 an den Kurfürsten, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  27. Befestigungswesen.
  28. Brief des Kurfürsten vom 1. März 1633 an die Stadt Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  29. Max Spindler (Begr.)/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. Zweiter Band. Das Alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. 2., überarbeitete Auflage, 1988, 741.
  30. Kurfürstliches Mandat vom 10. Januar 1633, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  31. Brief der Stadt Wasserburg vom 8. Februar 1633 an den Pfleger von Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  32. Brief des Kurfürsten vom 17. März 1633 an die Stadt Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  33. Brief der Stadt Wasserburg vom 11. Februar 1634 an den Kurfürsten, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  34. Brief des Kurfürsten vom 15. Februar 1634 an den Pfleger von Wasserburg, StadtA Wasserburg a. Inn, I1b70.
  35. Sigmund von Riezler, Der Aufstand der bayerischen Bauern im Winter 1633 auf 1634, 1901, 33–95.
  36. Haidenbucher, Geschicht Buech (wie Anm. 6), 106.
  37. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 99.
  38. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 168.
  39. Gerhard Skrabal, Geschichte der Stadtpfarrei St. Jakob zu Wasserburg am Inn, 1962, 21–22.
  40. Haidenbucher, Geschicht Buech (wie Anm. 6), 109.
  41. Skrabal, Geschichte der Stadtpfarrei St. Jakob (wie Anm. 39), 21./ Martin Geiger, Wasserburg a. Inn. Ein geschichtlicher Abriß, in: Heimat am Inn 1 (1980), 10./ Kirmayer, Chronik, hier Band 5, Zeitraum 1630–1679, hier 1634 (aufgrund fehlender Seitenangaben in dem Manuskript wird als Nachweis die Jahreszahl angegeben, unter der die Informationen verzeichnet sind)./ Josef Kirmayer, Wasserburg a. Inn, in: Erich Keyser/Heinz Stoob (Hg.), Bayerisches Städtebuch. Teil 2, 1974, 718–722, hier 718.
  42. Wildgruber, Die feste Stadt Wasserburg (wie Anm. 5), 180.
  43. Kirmayer, Chronik, 1646.
  44. Rystad, Die Schweden in Bayern (wie Anm. 4), 433.
  45. Riezler, Geschichte Baierns (wie Anm. 35), 602–603.
  46. Gerhard Immler, Kurfürst Maximilian I. und der Westfälische Friedenskongreß. Die bayerische auswärtige Politik von 1644 bis zum Ulmer Waffenstillstand (Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der neueren Geschichte, Band 20), 1992, 398–487.
  47. Mark Hengerer, Kaiser Ferdinand III. (1608–1657). Eine Biographie (Veröffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs, Band 107), 2012.
  48. Riezler, Geschichte Baierns (wie Anm. 35), 612.
  49. Albrecht, Maximilian I. von Bayern (wie Anm. 2), 1080.
  50. Albrecht, Maximilian I. von Bayern (wie Anm. 2), 1080.
  51. Haidenbucher, Geschicht Buech (wie Anm. 6), 161.
  52. Riezler, Geschichte Baierns (wie Anm. 35), 641.
  53. Ernst Höfer, Das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Strategie und Kriegsbild, 1997, 301.
  54. Riezler, Geschichte Baierns (wie Anm. 35), 641.
  55. Martin Wildgruber, Wasserburg im Tagebuch der Äbtissin Haidenbucher von Frauenchiemsee 1609–1648, in: Heimat am Inn 10 (1990), 157–200, hier 190.
  56. Wildgruber, Wasserburg im Tagebuch der Äbtissin Haidenbucher (wie Anm. 55), 192.
  57. Kirmayer, Chronik, 1649.