Wasserburger Anzeiger

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Autor: Konrad Dussel

Die Geschichte des Wasserburger Anzeigers

Einführung
Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Autor neben der südwestdeutschen Landes- und Regionalgeschichte vor allem mit der deutschen Mediengeschichte, zuletzt insbesondere mit Zeitungs- und Illustriertengeschichte im frühen 20. Jahrhundert. Auf den Bayerischen Zeitungsblock stieß er im Zuge seiner Recherchen über die Nazifizierung der badischen und württembergischen Tagespresse, zum Wasserburger Anzeiger war es dann nur noch ein Schritt.

Wochenblatt der Stadt Wasserburg

Erstes Wochenblatt der Stadt Wasserburg von 1839.

Nachdem die Königliche Regierung von Oberbayern dem seit 1826 in Wasserburg ansässigen Verleger Adam Kling am 20. Dezember 1839 die gnädigste Bewilligung zur Herausgabe eines Wochenblattes in der Stadt Wasserburg ertheilt hatte, erschien die Nummer 1 des ‚Wasserburger Anzeigers‘ unter dem Titel ‚Wochenblatt der Stadt Wasserburg‘ am Sonntag, dem 6. Januar 1839.[1] Erster Redakteur war der seit 1836 in Wasserburg ansässige Tierarzt Dr. Johann Martin Kreutzer. Gedruckt wurde das nur einmal wöchentlich erscheinende Vier-Seiten-Blatt in der Auer Vorstadt von München.

Von einer Zeitung im modernen Sinne war das Blättchen weit entfernt. Es gab amtliche Bekanntmachungen, ein paar Privatanzeigen und Marktberichte, daneben etwas Belletristik und auf Belehrung in alltäglichen Problemen abzielende Artikel. Nachrichten blieben auf – aus heutiger Sicht – eher Lokal-Belangloses beschränkt, Beiträge zu politischer Information und Meinungsbildung sucht man vergebens. Das galt nicht nur für die ersten zwei Jahre, in denen Kreutzer die Redaktion führte, sondern auch danach, als Kling selbst das Blatt redigierte, weil Kreutzer weggezogen war, und weiter ab 1852, als Erasmus Huber in Wasserburg eine eigene Druckerei gründete und Herstellung und Redaktion des Wochenblattes übernahm.

Wasserburger Anzeiger

1863 gab es einen erneuten Besitzerwechsel. Die Wasserburger Zeitung wurde nun von dem jungen, knapp 30-jährigen Friedrich Dempf, der in diesem Jahr nach Wasserburg eingeheiratet hatte, redigiert und gedruckt. 1871 gab er ihr den Namen ‚Wasserburger Anzeiger‘ und Anfang 1874 wechselte er den trockenen Untertitel ‚Amts-Blatt für das k. Bezirksamt Wasserburg und die k. Landgerichte Wasserburg und Haag‘ gegen ‚Ein Blatt zur Unterhaltung und Belehrung für jedermann. (Mit amtlichen Mittheilungen.)‘ aus. Mit den mittlerweile acht Seiten seiner einen wöchentlichen Ausgabe kam Dempf nicht mehr lange aus. Ende 1879 kündigte er an, dass er den ‚Wasserburger Anzeiger‘ von Neujahr 1880 an wöchentlich zweimal und zwar jeden Mittwoch Mittags 1 Uhr und Samstag Abends 5 Uhr erscheinen lassen wollte, und das auch weiterhin zum bisherigen Preis von 90 Pfennigen im Vierteljahr.

Im 21. Jahr seiner Verlegertätigkeit und keine 50 Jahre alt verstarb Friedrich Dempf am 17. Januar 1884. Seine Geschäfte setzte seine Witwe fort, zunehmend unterstützt und schließlich abgelöst durch den 1864 geborenen Sohn, ebenfalls mit Namen Friedrich. Das Geschäft florierte. Friedrich Dempf junior konnte regelmäßig mehr als die Hälfte seiner vierseitigen Nummern mit Anzeigen füllen. Das ermöglichte ihm, Jahrzehnte lang den Bezugspreis stabil zu halten und sogar noch Zusatzangebote mitzuliefern: Ab Anfang 1894 gab es ein erstes ‚illustriertes Unterhaltungsblatt‘, das jedoch nicht überliefert ist.

Fortsetzungsroman auf der Titelseite im Jahr 1901.

Als Anfang 1897 eine dritte Ausgabe pro Woche eingeführt wurde – der ‚Anzeiger‘ erschien nun dienstags, donnerstags und samstags jeweils morgens um 7 Uhr –, wurde der Bezugspreis nur sehr maßvoll auf eine Mark im Vierteljahr erhöht. Allerdings geriet Dempf als Drucker und Redakteur seines Blattes an seine Grenzen. Noch im Januar 1897 begann Karl Fr. Hoffmann als verantwortlicher Redakteur zu zeichnen. Aber schon im Frühjahr 1900 musste Friedrich Dempf noch einmal selbst die Redaktion übernehmen. Ein Jahr später, Mitte Mai 1901, konnte er sie jedoch an seinen jüngeren, 1876 geborenen (Halb-)Bruder Anton übergeben, ohne dass darauf in der Zeitung besonders aufmerksam gemacht worden wäre.[2]

Aus Krankheitsgründen musste sich Friedrich Dempf 1910 von seinen Geschäften zurückziehen. Er verkaufte alles am 1. April an seinen Bruder Anton, verließ mit seiner Familie Wasserburg und verstarb 1917.

Der erste ‚Wasserburger Anzeiger‘ im dreispaltigen Satz.

Der neue Verleger Anton Dempf blieb Allein-Redakteur des ‚Anzeigers‘ bis zur nächsten Erweiterung: Als am Montag, dem 3. Oktober 1921 zum werktäglichen Erscheinen übergegangen wurde, bezog auch ein neuer Mann den Redakteursposten, Friedrich Schlecht. Warum Schlecht diese Stelle schon im Februar 1923 wieder aufgab, ist den Zeitungen selbst nicht zu entnehmen. Kurzfristig war Anton Dempf wieder sein eigener Redakteur, dann konnte er Mitte März 1923 Dr. Rudolf Moosleitner anstellen.

Das Geschäft war jedoch nur noch mit Mühe am Laufen zu halten. Zwar liegen keine Unterlagen zum konkreten Redaktions- oder Verlagsbetrieb vor. Trotzdem lässt sich einigermaßen schlüssig nachzeichnen, wie die ökomischen Probleme der Zeitung gewachsen sein müssen bis am Ende nur noch zu entscheiden war, ob der Betrieb einzustellen oder auf eine ganz neue Weise, im Verbund mit einem stärkeren Partner, zu organisieren war.

Als Ausgangspunkt kann gut ein Blick auf die Gegebenheiten im Jahr 1910 dienen. Der ‚Anzeiger‘ erschien damals wie erwähnt dreimal wöchentlich. Die Abonnenten hatten für die maximal 39 Ausgaben einschließlich vier illustrierter Unterhaltungsbeilagen im Vierteljahr eine Mark zu zahlen. Dafür erhielten sie ziemlich regelmäßig pro Woche allein mit den Zeitungen 20 Seiten Papier: eine Ausgabe mit vier und zwei Ausgaben mit acht Seiten Umfang. Gefüllt wurden diese Seiten zu erheblichem Teil mit Anzeigen. Ihr Anteil am wöchentlichen Gesamtumfang betrug regelmäßig 40-50 Prozent.

Zehn Jahre später, 1920, hatten sich die Gegebenheiten erheblich verändert. Die Zeitung erschien zwar immer noch dreimal wöchentlich, wenn auch nun nachmittags um 16 Uhr. Folge der immer stärker anziehenden Inflation war allerdings, dass sie nun 3,60 Mark im Vierteljahr kostete und an eine Beilage nicht mehr zu denken war. Blickt man auf den Werbeanteil, so lag auch der noch über 40 Prozent. Allerdings muss man nun auch auf die absoluten Zahlen achten: Acht-Seiten-Ausgaben bildeten nun die große Ausnahme, der Wochenumfang von drei Ausgaben lag häufig nur noch bei 14 Seiten und darin waren nur noch sechs Seiten mit Anzeigen zu füllen. Vor dem Krieg waren es häufig neun Seiten gewesen. Das war wahrscheinlich auch auf der Einnahmenseite ein ökonomisch schmerzhafter Rückgang um ein Drittel.

Trotzdem sah sich Verleger Anton Dempf aus unbekannten Gründen veranlasst, ab 1. Oktober 1921 zum täglichen Erscheinen seiner Zeitung überzugehen. Vielleicht versprach er sich eine Belebung des Geschäfts. Die unvorstellbar schwierigen Zeiten von Inflation und Hyperinflation machten diese Hoffnungen jedoch sicherlich zunichte.

Auch die allgemeine wirtschaftliche Erholung seit 1924 dürfte Dempf keine ausreichende Entlastung gebracht haben. Als am 17. Januar 1924 erstmals wieder ein Preis in den Kopf der Zeitung eingedruckt wurde, betrug er 2,20 Mark, nun aber monatlich. Das war jedoch zu hoch. Schon mit dem 25. Januar 1924 wurde er auf 1,80 Mark ermäßigt und ab 20. Februar 1924 sogar auf 1,60 Mark. Aber nicht nur das. Zum verbilligten Abonnement gab es auch noch eine Zugabe: Wie damals zunehmend üblich, wurde die weitgehend bildlose Tageszeitung erneut durch eine wöchentliche illustrierte Beilage ergänzt.[3] Immer samstags gab es fortan ein Acht-Seiten-Heftchen mit dem Titel ‚Wort und Bild‘. Das konnte Dempf nicht selbst produzieren. Höchstwahrscheinlich erhielt er es von dem in diesem Bereich führenden Berliner Spezialverlag Otto Elsner geliefert.[4] Aber der wollte selbstverständlich auch bezahlt sein.

Wie gestaltete sich aber demgegenüber die Einnahmenseite des Verlegers? 1925 erhielt er im Abonnement noch immer 1,60 Mark monatlich. Seine Ausgaben umfassten regelmäßig nur noch vier Seiten, nur samstags gab es acht. Insgesamt kamen so 28 Seiten pro Woche zusammen. Die Anzeigenteile waren jedoch deutlich geschrumpft – zumeist füllten sie nur noch eine halbe Seite, nur wenn es gut lief, war es eine ganze. Alles in allem ergab das höchstens etwas mehr als vier Seiten pro Woche – noch einmal ein Drittel weniger als 1920 und kaum die Hälfte dessen von 1910, dafür aber mit wesentlich größerem Aufwand. Möglicherweise konnte der etwas reduziert werden, als ab Januar 1926 die aus Berlin bezogene Beilage ‚Wort und Bild‘ durch die in Augsburg hergestellte ‚Süddeutsche Woche‘ ersetzt wurde. Aber durchschlagend wird das nicht gewesen sein. Monat um Monat wird sich damit die Frage drängender gestellt haben, wie das Zeitungsgeschäft in Wasserburg noch rentabel zu betreiben wäre.

Eine weitere Zuspitzung erfuhr die Situation, als auch noch ein Wettbewerber das Feld betrat. Weil bislang nähere Informationen fehlen, muss aber nicht nur offen gelassen werden, wie sich dies im Vorfeld gestaltete, sondern auch wie dessen Produkt genau aussah. Bislang liegen nur zwei Indizien vor: Am 26. November 1926 veröffentlichte der ‚Wasserburger Anzeiger‘ eine Fünf-Zeilen-Nachricht: Kaufmann Georg Mayr, Inhaber der Firma Georg Mayr, Wasserburg, Schmiedzeile 55, ersucht, festzustellen, daß er mit dem Verleger der neuen ‚Wasserburger Zeitung‘ wohl namensgleich, aber nicht identisch ist. Und in einem 1950/51 entstandenen Text heißt es, dass der ‚Bayerische Zeitungsblock‘ 1927 in Wasserburg eine ‚Wasserburger Zeitung‘ vertreiben ließ, die dem ‚Wasserburger Anzeiger‘ kraft der hinter ihr stehenden Mächte rasch das Wasser abgrub.[5]

Rettung schien da nur noch die mehr oder minder freiwillige Zusammenarbeit zu bieten. Ab 1. Juni 1927 erschien der ‚Wasserburger Anzeiger‘ mit dem neuen Untertitel ‚Wasserburger Zeitung – Wasserburger Tagblatt‘. Aber nicht nur der Untertitel hatte sich geändert. Den Wasserburgern präsentierte sich ihr Traditionsblatt auch in ganz neuer Aufmachung: Statt acht Seiten mit Drei-Spalten-Druck erhielten sie nun zehn vierspaltig gesetzte Seiten. Als Verlag wurde zwar noch immer Friedrich Dempf genannt, ergänzt wurde dies jedoch durch ‚Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn, München‘.

Bayerischer Zeitungsblock und Wasserburger Anzeiger

Der ‚Wasserburger Anzeiger‘ mit neuer Aufmachung im ‚Bayerischen Zeitungsblock‘.

Die Münchner Großdruckerei war seit 1923 Teil des neu entstandenen ‚Bayerischen Zeitungsblocks‘. Publizistische Zentralfigur des ‚Zeitungsblocks‘ war zunächst der 1881 geborene Klaus Eck, der seit 1909 für den ‚Miesbacher Anzeiger‘ als Redakteur gearbeitet hatte. 1919 konnte er den ‚Anzeiger‘ pachten und das frühere Zentrumsblatt auf eine scharf antisozialistische und vulgär antisemitische Grundhaltung festlegen. Als es im Juli 1922 zum Streit mit der Inhaberin des Blattes kam, schied Eck aus und musste sich ein neues Tätigkeitsfeld suchen.[6] Es kam zur Zusammenarbeit mit der Druckereifirma Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn. Die 1914 von Adolf Müller und Otto Königer gegründete Firma arbeitete seit Ende 1920 mit dem nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlag zusammen und druckte unter anderem den ‚Völkischen Beobachter‘, später auch Hitlers ‚Mein Kampf‘.[7]

1925 wurden dem Zeitungsblock 16 Zeitungen zugerechnet, die nach eigener Aussage in einer Auflage von 28.000 Exemplaren erschienen und sich als parteilos-vaterländisch charakterisierten,[8] 1928 waren es 19 Zeitungen.[9]

Wenn man sich nun an die Beantwortung der Frage macht, wie denn die politische Selbstcharakterisierung der ‚Zeitungsblock‘-Titel als rechtsbürgerlich oder national inhaltlich zu füllen ist, so muss man sich vor schnellen Pauschalisierungen hüten. Im zutiefst katholischen ländlichen Oberbayern war keine programmatische Stellung gegen die BVP zu beziehen, wenn man nicht viele Leser abschrecken wollte. Sich trotzdem abzugrenzen war schwierig. Vor diesem Hintergrund war vielleicht aus Leser- und Käufersicht auch weniger die politische Position das Entscheidende, sondern mehr der Umfang des Angebots insgesamt, das weit über die quantitativ sehr begrenzt daherkommende Konkurrenz hinausreichte.

Die Aufnahme des ‚Wasserburger Anzeigers‘ in den ‚Bayerischen Zeitungsblock‘ schien für alle Beteiligten zunächst nur Vorteile zu bringen: Der ‚Zeitungsblock‘ konnte sein Verbreitungsgebiet vergrößern, Dempf hatte seine Zeitung gerettet und die Wasserburger Leserschaft bekam ein deutlich vergrößertes Angebot. Sie hatte nun zwar 2,20 Mark im Monat zu zahlen, aber dafür war sie auf besondere, damals allgemein übliche Weise versichert. Von der ersten Ausgabe am 1. Juni 1927 an prangte auf der Titelseite jeder Ausgabe der Hinweis:

Unsere Abonnenten sind bei der ‚Iduna‘, Allgem. Versicherungs-A.-G., für den Fall des Todes durch Unfall mit R.-M. 1000.- und für den Fall der Ganzinvalidität durch Unfall mit der gleichen Summe versichert. Außerdem sind unsere Abonnenten bei der ‚Iduna‘ Lebensversicherungs-Bank A.-G. mit einem Sterbegeld von R.-M. 100.- bis R.-M. 150.- versichert entsprechend den Bedingungen, die vom Verlage und unmittelbar von der ‚Iduna‘ in Berlin SW 68, Charlottenstraße 82, zu beziehen sind.

Das Meiste des Inhalts der nun regelmäßig zehn bis zwölf Seiten Tageszeitung wurde zwar fortan aus München geliefert, aber für die drei bis vier Seiten Lokales (einschließlich der lokalen Anzeigen) war man weiterhin in Wasserburg zuständig. Redakteur blieb Rudolf Moosleitner. Allerdings verließ der schon nach wenigen Wochen Anfang Juli Wasserburg. Die Vermutung, er sei mit den neuen Männern nicht klar gekommen, bestätigt sich jedoch nicht. Das Gegenteil war der Fall. Wie einer Notiz im ‚Wasserburger Anzeiger‘ vom 21. Juli 1927 zu entnehmen ist, nahm Moosleitner ein Angebot des ‚Bayerischen Zeitungsblocks‘ in München an und wird dort ab 1. August in der Hauptschriftleitung tätig sein; als verantwortlicher Redakteur wurde er jedoch nie im Kopf der ‚Zeitungsblock‘-Titel genannt. In Wasserburg zeichnete schon seit dem 7. Juli Hanns Preißer verantwortlich für den Lokalteil.

Solange der ‚Zeitungsblock‘ einigermaßen auf BVP-Kurs blieb, scheint man in Wasserburg am neuen ‚Wasserburger Anzeiger‘ keinen Anstoß genommen zu haben. Problemlos stimmten beispielsweise bei der gleichzeitig stattfindenden Reichstags- und Landtagswahl 1928 die lokalen und übergeordneten Zeitungspositionen überein. Auf der Titelseite vom Wahltag, dem 20. Mai, folgte dem Aufruf Vergiß bei der Wahl nicht, daß Du ein Deutscher bist! nicht nur die Spezifizierung Vergiß bei der Wahl auch nicht, daß Du ein Bayer bist!, sondern auch die Konkretisierung Wähle Bayerische Volkspartei!. Da passte es gut, wenn auf der Lokalseite noch einmal fett gedruckt darauf hingewiesen wurde, dass sich

die Bayerische Volkspartei, Ortsgruppe Wasserburg, … in liebenswürdiger Weise bereit erklärt habe von vormittags 10 Uhr an bis abends 5 Uhr allen denjenigen Wählerinnen und Wählern Auskunft zu erteilen, die mit einer gültigen Stimmzettelabgabe noch nicht völlig vertraut sind.

Im Laufe der Zeit erfolgte in München jedoch eine gewisse Distanzierung von der BVP, um es mit der NSDAP nicht zu verderben, für die das Buchgewerbehaus ja ebenfalls tätig war. Als am 14. September 1930 die Reichstagswahl anstand, fehlten auf den Titelseiten des ‚Zeitungsblocks‘ derart eindeutige Wahlempfehlungen wie 1928. Im nicht namentlich gezeichneten, aber wahrscheinlich von Chefredakteur Conrad Adlmaier verfassten Kommentar auf der Titelseite vom 13. September 1930 wurde nur gewunden für dezidiertes Nationalbewusstsein geworben und im letzten Satz bloß verlangt: Tu deine Pflicht als Deutscher! Und vergiß nicht, daß du zugleich ein Bayer bist!

Lokalredakteur Fridolin Keller, der Ende November 1929 diese Position übernommen hatte, war da viel eindeutiger. Die von ihm gestaltete Lokalseite war ganz von Nachrichten über die BVP und einer Anzeige von ihr beherrscht. Auch der Wahlausgang selbst war – fast möchte man sagen: entsprechend – eindeutig. In Wasserburg selbst lag die BVP mit 934 Stimmen ganz eindeutig vor der SPD mit 471 und der Hitlerpartei mit 382, die sich 1928 allerdings noch mit 75 hatte begnügen müssen. Auch im Bezirk war die BVP mit 9.199 Stimmen deutlicher Wahlsieger. Hier hatte die SPD keine Chance. Mit 1.325 Stimmen lag sie nicht nur hinter dem Bayerischen Bauernbund mit 5.635, sondern auch noch hinter der Hitlerpartei mit 1.473.[10]

Der Ortsverein der BVP zeigte sich dankbar. In der Ausgabe des ‚Wasserburger Anzeigers‘ vom 21./22. September 1930 wandte er sich auf der ersten Lokalseite an die Parteimitglieder und –freunde in Stadt und Land. Er dankte nicht nur allen Parteiaktivisten und Wählern, sondern auch

unserer heimischen Parteipresse, unserem ‚Wasserburger Anzeiger‘, der so viel für unsere Parteisache in den letzten Wochen getan und uns großartig in der Parteiarbeit unterstützt hat. Wir glauben, diesen Dank nicht besser zum Ausdruck bringen zu können, als daß wir unsere Parteifreunde in Stadt und Land hiermit auffordern, unser Heimatblatt, den ‚Wasserburger Anzeiger‘, durch vermehrtes Abonnement und Druckaufträge zu unterstützen.
Der ‚Wasserburger Anzeiger‘ bezieht 1932 Position für Hindenburg.

Schwierig war die Situation im Frühjahr 1932 geworden, als die Reichspräsidentenwahl anstand, in der es letztlich um die Frage Hindenburg oder Hitler ging. Zwei Ausgaben sind da von besonderem Interesse, diejenigen, die unmittelbar vor den beiden Wahlgängen veröffentlicht wurden. Am 12. März, am Tag vor dem ersten Wahlgang, präsentierten die Zeitungen des ‚Bayerischen Zeitungsblocks‘ auf ihren Titelseiten unter der Schlagzeile Hindenburg am Rundfunk die wörtliche Wiedergabe einer Rede, die der amtierende Reichspräsident zwei Tage zuvor im Radio gehalten hatte. Der daneben gesetzte An alle Nichtwähler! gerichtete Kommentar von Chefredakteur Adlmaier (gezeichnet mit Dr. A.) enthielt sich jeder inhaltlichen Aussage und forderte nur jeden zur Stimmabgabe auf. Eine Werbung für den Kandidaten Hitler fehlte in der ganzen Ausgabe. Nur der Hindenburgausschuß belegte mit einer ganzseitigen Anzeige die letzte Seite dominiert von der in übergroßen Lettern gesetzten Aussage Wir wählen unseren / Generalfeldmarschall Hindenburg!.

Hindenburg verfehlte das Ziel der absoluten Mehrheit nur knapp, so dass es am 10. April 1932 einen zweiten Wahlgang geben musste. Die nationalsozialistische Propaganda lief auf Hochtouren. Aber wie sollte sich der ‚Bayerische Zeitungsblock‘ verhalten, dessen Mitbesitzer ja auch den ‚Völkischen Beobachter‘ druckten? Erneut Hindenburg in den Vordergrund zu stellen, war unmöglich; eine Wahlempfehlung für Hitler aber auch, wenn man sich nicht völlig gegen die angestammte Leserschaft stellen wollte. Der Minimalkonsens bestand darin, die Wahl so weit als möglich zu ignorieren. Die allgemeinen Teile der ‚Zeitungsblock‘-Zeitungen vom 9. und 10./11. April 1932 folgten dieser Vorgabe weitestgehend. Die Lokalredaktionen besaßen jedoch noch einigen Spielraum, wie man an drei verschiedenen Varianten von ‚Zeitungsblock‘-Zeitungen studieren kann. Völlig der Münchner Linie folgte man bei der ‚Fürstenfeldbrucker Zeitung‘; hier wurde auf den Lokalseiten die anstehende Wahl mit keinem Wort thematisiert.[11] Nicht ganz so radikal war man bei der ‚Grafinger Zeitung‘. Hier gab es an beiden Tagen einen gewissen Einsatz für Hindenburg mit kleinen Texten. Am 9. April wurde unter der Schlagzeile Hindenburgwähler heraus! zum Besuch einer großen Hindenburgkundgebung aufgefordert und am 10. folgte ein Letzter Appell!, in dem klar gestellt wurde: Bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau an die Wahlurne für – Hindenburg![12]

Ganz eindeutig war dagegen die Stellungnahme in Wasserburg. Am 9. April standen die beiden Lokalseiten ganz im Zeichen der Wahl und der Agitation für Hindenburg. Auf der ersten wurde der Letzte Appell der Bayerischen Volkspartei nicht nur mit einer Strichzeichnung des Reichspräsidenten ergänzt, auch eine Abbildung des Stimmzettels mit einem Kreuz beim Namen Hindenburgs durfte nicht fehlen. Und auf der zweiten Seite gab es nicht nur einen fast halbseitigen Bericht über eine Versammlung des Hindenburg-Ausschusses in Wasserburg, es wurde auch in einem eigenen Artikel dezidiert gegen seinen schärfsten Konkurrenten angeschrieben: Wer Hitler wählt, verrät Bayern! Fortgesetzt wurde der Einsatz für Hindenburg auch am 10. April, wo sogar ein handsigniertes Foto des amtierenden Reichspräsidenten nicht fehlen durfte.

Seltsamerweise wurde im Anschluss an diesen Einsatz kein Dank der BVP im ‚Wasserburger Anzeiger‘ veröffentlicht, obwohl er diesem höchstwahrscheinlich vorlag. Das Schreiben des Bezirksvorsitzenden, in dem er im Besonderen auch dem ‚Wasserburger Wochenblatt ‘ und dem ‚Wasserburger Anzeiger‘ den herzlichsten Dank der Partei aussprach, wurde nämlich im ‚Wasserburger Wochenblatt‘ vom 27. April 1932 veröffentlicht. Noch seltsamer aber ist, wie in derselben Ausgabe des ‚Wochenblatts‘ in einem Artikel über eine Versammlung des katholischen Arbeitervereins auf die Situation bei der Konkurrenz verwiesen wurde. Es hieß dort, dass Redakteur Keller aus ganz unverständlichen Gründen (wenigstens für die Parteimitglieder ists und bleibts eine unverständliche Sache) seinen Posten verloren hat). Die Vermutung liegt nun nahe, dass diese Entlassung aufgrund von Kellers Einsatz für Hindenburg und die BVP und gegen Hitler erfolgt sei. Allerdings muss man überrascht feststellen, dass der Redakteurswechsel bereits Anfang April, also zwischen den beiden Wahlgängen erfolgt sein muss, wenn man den Angaben im Kopf des ‚Wasserburger Anzeigers‘ Glauben schenken darf. Seit dem 1. April wurde dort Dr. Ludwig Koenig als Lokalredakteur genannt. Wenn Keller wegen seines Einsatzes für die BVP und Hindenburg ersetzt worden war, so hatte dies zumindest kurzfristig keinen Erfolg gehabt. Koenig hatte Kellers Linie fortgesetzt.

Das ‚Wasserburger Wochenblatt‘ erscheint erstmals 1930.

Vielleicht war dies nötig, weil sich der ‚Wasserburger Anzeiger‘ schon seit einiger Zeit mit einem lokalen Konkurrenten konfrontiert sah, der ganz dezidiert auf das Bekenntnis zur Katholischen Kirche und zur BVP setzte.[13] Das ‚Wasserburger Wochenblatt‘ hatte schon am 3. Januar 1930 die lokale Bühne betreten. Wie der ‚Wasserburger Anzeiger‘ fast ein Jahrhundert zuvor hatte auch die neue Zeitung, die von einer ‚Verlagsbuchdruckerei Wasserburg‘ gedruckt und von Franz Josef Zech als Redakteur betreut wurde, zunächst mit nur einer Ausgabe pro Woche begonnen. Ihre Haltung war eindeutig. Schon im Kopf hieß es unübersehbar mit Kirchenanzeiger und der Beilage ‚Altöttinger Liebfrauenbote‘. Verkauft wurde die Ausgabe A mit dem ‚Altöttinger Kirchenboten‘ für 2,70 Mark im Vierteljahr, die Ausgabe B ohne die Beilage für 1,80 Mark.

Das Blatt muss auf Anhieb bestens angekommen sein, denn wozu der ‚Anzeiger‘ fast 60 Jahre gebraucht hatte, gelang dem neuen ‚Wochenblatt‘ in nur drei Monaten: die Erweiterung auf drei Ausgaben wöchentlich. Ab 1. April 1930 gab es bereits Ausgaben montags, mittwochs und freitags; die Preise waren auf 1,50 bzw. 1,20 Mark monatlich angehoben worden. Und ab dem 5. Dezember 1932 folgte dann eine vierte wöchentliche Ausgabe, zu gleichbleibendem Preis.

Selbstbewusst hatte man seit Ende Juni 1932 auch den Vermerk Hohe, ständig zunehmende Auflage im Kopf der Zeitung platziert. Genauere Angaben wurden jedoch um diese Zeit nicht veröffentlicht. Dies änderte sich erst durch eine entsprechende Verordnung im NS-Staat. Seit Anfang 1934 gab das ‚Wasserburger Wochenblatt‘ seine Auflage mit 1.600 an. Ein erheblicher Teil seiner Leserschaft dürfte dabei um 1933 vom ‚Wasserburger Anzeiger‘ abgewandert sein. 1925 wie 1932 war von dem nämlich ungefähr gleichlautend eine Auflage von 2.630 bzw. 2.600 genannt worden,[14] dagegen erschien dann aber Anfang 1934 im Kopf der Zeitung nur noch die Zahl 2.040 für das vierte Quartal 1933. Das war ein Rückgang um gut 20 Prozent innerhalb weniger Monate, der wahrscheinlich primär durch die politische Umorientierung bedingt war. Ökonomische Gründe wird man dagegen weitgehend ausschließen können, weil sich die lokale Konkurrenz ja gleichzeitig im Aufwind befand.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte der ‚Zeitungsblock‘ keine größeren Probleme. Nicht genug auf neuem Kurs war wohl nur der bisherige Chefredakteur der Zentralredaktion. Conrad Adlmaier musste Anfang Mai 1933 seinen Posten verlassen.

Das ‚Wasserburger Wochenblatt‘ nimmt 1936 Abschied von seinen Lesern.

Mit Unterstützung der Nationalsozialisten gelang es dem Zeitungsblock in den folgenden Jahren, verschiedene Konkurrenten zu übernehmen. Auch in Wasserburg konnte der ‚Anzeiger‘ das ‚Wochenblatt‘ ausschalten. In seiner Nummer vom 11. März 1936 nahm das ‚Wochenblatt‘ Abschied von seinen Beziehern und Lesern nicht ohne irrtümliche Gerüchte aus der Welt zu schaffen: Ausdrücklich betonte man, daß es weder eigene wirtschaftliche Schwierigkeiten noch günstige Verkaufsmöglichkeiten waren, die uns zur Einstellung des Erscheinens des Wasserburger Wochenblattes veranlassten. Der offizielle Grund, der wenige Zeilen zuvor angeführt worden war, verlor dadurch seine inhaltliche Berechtigung. Aufgrund der Verordnung der Reichspressekammer vom 24. April 1935 Zur Beseitigung ungesunder Wettbewerbsverhältnisse auf dem Gebiet des Zeitungswesens konnten an einem kleinen Ort wie Wasserburg zwei Zeitungen nicht mehr geduldet werden.

Anton Dempf, der nach drei Jahren Einsatz im Ersten Weltkrieg auch als Freikorpskämpfer tätig gewesen war, trat 1933 der NSDAP bei. Er verstarb am 14. Mai 1943.[15] Zur Würdigung seiner Verdienste um die Heimatforschung – 1913 war er Gründungsmitglied des Historischen Vereins, 1927 rief er die Zeitungsbeilage ‚Heimat am Inn‘ ins Leben – wurde 1953 in Wasserburg eine Straße nach ihm benannt. Die letzte Ausgabe seiner Zeitung erschien zum Wochenende 14./15. April 1945.

Oberbayerisches Volksblatt und Wasserburger Zeitung

Im besiegten Deutschland verboten die alliierten Militärregierungen alle zuvor erschienenen Zeitungen. Neugründungen bedurften einer Lizenz; Alt-Verlegern wurde sie grundsätzlich verweigert. Um ökonomisch tragfähigere Strukturen zu erhalten, wurden nur wenige Lizenzen erteilt. In der Region ging sie an Leonhard Lang und Ernst Haenisch in Rosenheim. Sie durften ab 26. Oktober 1945 das neue ‚Oberbayerische Volksblatt‘ (OVB) herausbringen.[16] Um seine Existenz zu sichern, setzte das OVB bald auf Lokalausgaben. Die erste Wasserburger Ausgabe datiert vom 3. Januar 1948, der Name ‚Wasserburger Zeitung‘ wurde ab der Ausgabe vom 2. November 1948 verwendet.

Um wirtschaftlich zu überleben, bedurfte der Verlag auf die Dauer eines stärkeren Partners. 1967 wurde der ‚Münchner Merkur‘ mit 33 Prozent Gesellschafter und liefert seitdem Teile des ‚Mantels‘, des überregionalen Zeitungsteils.


Empfohlene Zitierweise:
Konrad Dussel, Wasserburger Anzeiger, publiziert am 28.02.2019; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Wasserburger_Anzeiger (21.05.2019)


  1. Vgl. zur Frühgeschichte im 19. Jahrhundert: Sieglinde Kirmayer, Das Zeitungswesen Wasserburgs, in: Heimat am Inn (= Monatsbeilage des ‚Oberbayerischen Volksblattes‘, Rosenheim) März 1953, 17-19.
  2. Vgl. zu den Familienverhältnissen die Beilage ‚100 Jahre Wasserburger Anzeiger 1839-1939‘ zu ‚Wasserburger Anzeiger‘ , Nr. 199 vom 28. August 1939.
  3. Konrad Dussel, Pressebilder in der Weimarer Republik: Entgrenzung der Information, 2012.
  4. Konrad Dussel, Getrennte Welten? Illustrierte Zeitungsbeilagen in der Weimarer Republik als Mittel soziokultureller Segregation, in: Katja Leiskau/Patrick Rössler/Susann Trabert (Hg.), Deutsche illustrierte Presse. Journalismus und visuelle Kultur in der Weimarer Republik, 2016, 211-230, hier 218.
  5. Sieglinde Kirmayer, Das Pressewesen des Landkreises Wasserburg von seinen Anfängen bis heute, Kopie des maschinengeschriebenen Manuskripts, 10, im StadtA Wasserburg a. Inn, Präsenzbibliothek, BB133.
  6. Emma Mages, Miesbacher Anzeiger, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Miesbacher Anzeiger (28.12.2018).
  7. Artikel ‚Adolf Müller (Verleger)‘, in: Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_M%C3%BCller_(Verleger) (20.2.2019).
  8. Ala-Zeitungskatalog 1925, 1925, 11.
  9. Ala-Zeitungskatalog 1925, 1925, 12, 15.
  10. ‚Wasserburger Anzeiger‘ vom 16. September 1930.
  11. Vgl. etwa die Lokalseite der ‚Fürstenfeldbrucker Zeitung‘ vom 10./11. April 1932: URL: https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1932-04-09.2178812-1/bsb00011778_00725.html bzw. https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1932-04-10.2178812-1/bsb00011778_00737.html. (20.2.2019).
  12. Vgl. etwa die Lokalseiten der ‚Grafinger Zeitung‘ vom 9. und 10./11. April 1932: URL: https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1932-04-09.all/bsb00005658_00733.html bzw. https://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1932-04-10.all/bsb00005658_00745.html. (20.2.2019).
  13. Vgl. Wolfgang Stäbler, Weltwirtschaftskrise und Provinz. Studien zum wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel im Osten Altbayerns 1928 bis 1932, 1992, 203f.
  14. Ala-Zeitungskatalog 1925, 1925, 15; Handbuch der deutschen Tagespresse. Hg. vom deutschen Institut für Zeitungskunde Berlin. 4. Auflage 1932, 62.
  15. Nachruf in ‚Wasserburger Anzeiger‘ Nr. 113 vom 15./16. Mai 1943.
  16. Artikel ‚Oberbayerisches Volksblatt‘, in: Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Oberbayerisches_Volksblatt (20.2.2019).