Ganserhaus

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Gerald Dobler

Ganserhaus (Schmidzeile 8)

Einführung

Das Bürgerhaus (1813 Hausnummer 90) mit seiner repräsentativen Fassade mit zwei Erkern und reicher Bemalung ist nach den Besitzern vom späten 19. Jahrhundert bis 1975 benannt. Es reicht im Kern mindestens bis in das frühe 16. oder das 15. Jahrhundert, vielleicht entsprechend seiner Lage an der Hauptverbindung zwischen Burg und Innbrücke sogar noch in das 14. oder 13. Jahrhundert zurück. Die Jahreszahl 1555 in den Fassadenmalereien bezieht sich sicher nicht auf das Erbauungsjahr des Hauses, sondern auf eine Renovierung oder einen Umbau.[1] Der Bau war angeblich vor 1970 schon über 250 Jahre lang Sitz einer Zinngießerei, also seit mindestens Anfang 18. Jahrhundert.[2]

Ganserhaus, Ansicht von Süden.
Ganserhaus, Ansicht von Südwesten kurz vor / um 1970.

Geschichte / Baugeschichte

1861 erfolgte die Vergrößerung eines Fensters im Erdgeschoss zum Hof des Hauses von Schuhmachermeister und Früchtehändler Karl Graf.[3] Auch die beiden großen segmentbogigen Fenster im Erdgeschoss der Südfassade dürften erst etwa ab dieser Zeit eingebaut worden sein. Die Wohnungserhebung von 1906 nennt im ersten Obergeschoss vier vermietete Zimmer und im zweiten Obergeschoss vier Zimmer des Eigentümers.[4] Im Erdgeschoss befanden sich demnach der Laden und die Werkstatträume des Besitzers. 1943/44 erfolgte in den Obergeschossen der Einbau eines russischen Kamins anstelle eines deutschen Kamins und der Einbau zweier schmaler hochrechteckiger Fenster in der Ostwand im Dachgeschoss.[5] 1971-1973 veranlasste der Arbeitskreis (AK) 68 Künstlergemeinschaft Wasserburg am Inn e. V., der das Haus kurz zuvor für die Einrichtung einer Galerie und von Künstlerateliers erworben hatte, eine Restaurierung der Südfassade unter der Leitung der Wasserburger Firma Boidl Wagenstetter, in deren Zuge die Wandmalereien an derselben durch die Firma freigelegt und unter Beteiligung des Wasserburger Künstlers Willi Reichert restauriert wurden. An der Fassade des östlich angrenzenden Hauses (des sogenannten Geyer-Hauses) wurde die historische Quadermalerei wiederhergestellt.[6] Die Restaurierung der Innenräume fand im Anschluss an die Fassadenrestaurierung bis Anfang 1977 statt, die Raumaufteilung blieb dabei weitestgehend unverändert. Es erfolgte die Freilegung des Tonnengewölbes im Erdgeschoss, der Einbau einer neuen Kellertreppe und die Freilegung der heute sichtbaren Balken-Bohlen-Decken sowie das Abschlagen des alten Putzes im Gebäude und Neuverputzung.[7] Im nordwestlichen Raum im Erdgeschoss wurde ein Teil der Decke entfernt und so ein höherer Raum erzielt. Die Eröffnung der Galerie im Ganserhaus fand am 30. April 1977 statt.[8] 1993 erfolgte der Abbruch zweier freistehender baufälliger Kamine über Dach.[9] 1999-2000 wurde eine statische Sicherung des Rückgebäudes durchgeführt, verbunden mit Neuverputzungen an der Rückfassade und im Inneren.[10]

Besitzer/Eigentümer:

1813 Franz Seift, Zinngießer[11]

1861 Adam Seiff, Zinngießer[12]

vor 1898-1918 Franz Ganser, Zinngießer (* 1869, † 21.11.1918)[13]

1943 Anna Ganser[14]

Außerdem wird im 20. Jahrhundert Hans Ganser, Graphiker, Maler und Kunsthandwerker genannt.[15]

1970 Annie Ganser[16]

Ab 1975 Arbeitskreis (AK) 68 (seit 1968 in Erbpacht)[17]

Beschreibung

Das viergeschossige Haus besitzt an seiner Südfassade drei Fensterachsen. Zum östlichen Nachbarhaus zu ist offenbar eine schmale Abfallgasse (Reihe) vorhanden (fassadenseitig abgemauert). Im ersten und zweiten Obergeschoss sind zwei Erker angebaut, in der mittleren Achse ein flacher rechteckiger, in der westlichen Achse ein polygonaler.[18] Den oberen Abschluss der Fassade bildet ein profiliertes Gesims mit hohem glatten Fries. Die drei großen Fenster im 3. Obergeschoss wurden nach Sattler/Ettelt vermutlich erst im 19. Jahrhundert eingebaut.[19] Demnach wären die Renaissancemalereien um diese Fenster erst 1970-1973 entstanden. Das Geschoss bildete früher ein hohes Speichergeschoss.

Fassadenmalereien:

Die Malereien sind stark restauriert bzw. wohl in großen Teilen modern. Ohne Fotos und nähere Maßnahmebeschreibungen aus der Zeit der Restaurierung ist es jedoch nicht möglich, den Umfang der erhaltenen originalen Malerei näher zu bestimmen. Die Fassade wird nach ihrer Freilegung, noch vor der Wiederherstellung wie folgt beschrieben:

Am Ganserhaus wurden nun die jüngeren Mal- und Putzschichten abgenommen und eine weitgehend erhaltene dekorative Malerei des Manierismus, die 1555 datiert ist, freigelegt. [...] Die zur Aufrauhung in den Putz geschlagenen Löcher sollen mit geeignetem Putz geschlossen und einretuschiert werden. Am Untergeschoß und anderen Fehlstellen ist der Putz in gleicher Oberflächenstruktur wie bei den alten Teilen zu ergänzen. Die erkennbaren Gesimse an den Erkern und der untere Abschluß des rechten Erkers sollen ergänzt werden. Das rechte Fenster des zweiten Obergeschosses soll wieder an die von der Malerei angegebene Stelle verschoben werden. Die neu ausgebrochenen Fenster des dritten Obergeschosses (Dachboden) sollen geschlossen werden, die Aufzugtüre und der Zugbalken können wiederhergestellt werden. Das Dachgesims soll wieder in der reichen Form hergestellt werden. Das darunter verlaufende [offenbar jüngere] Gesims soll zunächst bleiben. [...] Die abgenommenen dekorativen Malereien der oberen Schicht (etwa um 1730 entstanden) sollen sorgfältig verwahrt werden, damit sie vielleicht an anderer Stelle angebracht werden können.[20] 

Die Renaissancemalereien sind durch die Jahreszahl 1555 am Flacherker datiert. Nach Steffan kamen unter diesen Malereien noch ältere Malereien zum Vorschein.[21] Die erneuerten Renaissancemalereien bestehen aus architektonischen Rahmungen der Fenster, die ober- und unterhalb durch Ranken mit Masken, Früchten und Löwenköpfen bereichert werden. Über dem östlichen Fenster im ersten Obergeschoss ist zwischen zwei Putti eine Kartusche mit der Restaurierungsinschrift von 1973 angebracht. An den beiden Erkern und in Lisenen neben dem Polygonalerker und zum östlichen Nachbarhaus zu finden sich Felderungen, die hauptsächlich mit Rankenwerk gefüllt sind, in dem sich am Polygonalerker aber auch eine Frauenfigur und eine Büste erkennen lassen. Lediglich unter dem oberen Fenster des Flacherkers ist eine figürliche Szene vorhanden, die drei um einen Brunnen gruppierte Figuren in einem Wald zeigt, zwei weitere einzelne Figuren seitlich am oberen Ende des Erkers. Im Fries des Traufgesims sind in geringen Resten Rankenwerk und zwei Putti zu erkennen (modern?). Zwischen dem zweiten und dritten Obergeschoss ist ein zeitlich nicht zugehöriges rundbogiges Bildfeld mit dem Drachenstich des heiligen Georgs freigelegt, das durch das rechte Fenster im dritten Obergeschoss überschnitten wird und demnach älter als die vorhandene Fensteröffnung ist. Eine nähere Datierung des Bildes ist aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes nicht möglich (obere Malschicht, um 1730?). Im Rahmen der Fassadenrestaurierung 1971-1973 wurden auch die Eingangstüre und die Fenster erneuert.[22]

Ganserhaus, Bauplan von 1943, Lageplan, Schnitt und Grundrisse der drei Obergeschosse.

Inneres:

Das Haus weist im Inneren offenbar bis heute das ursprüngliche Grundrissgefüge auf,[23] was dahingehend zu verstehen ist, dass es sich in einem noch teilweise mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Zustand erhalten hat, der aber auch noch spätere Umbauten bis zum 19. Jahrhundert umfasst.[24] Es besteht aus einem vorderen und einem vermutlich nachträglich angebauten hinteren Teil (starke Mauer zwischen den beiden Hausteilen, Baufugen bzw. Risse im Dachgeschoss). Der vordere Teil enthält im Erdgeschoss westlich die langgestreckte Diele mit einer wohl nachträglichen Treppe zu einem tonnengewölbtem Keller im hinteren Teil (ursprüngliche Treppe wohl in der Südwestecke des Kellers, von Westen (unter Stichkappe)) und der Treppe zu den Obergeschossen, im östlichen einen langgestreckten, im nördlichen Teil tonnengewölbten Raum, sicher die frühere Zinngießerei mit Verkaufsraum. Die Diele besitzt eine einfache Balken-Bohlen-Decke, in ihrer Westwand befinden sich zwei spitzgiebelige Lichtnischen. Der hintere Teil besteht aus zwei länglichen Räumen unbekannter Funktion mit einfachen Balken-Bohlendecken, wohl Werkstatt- oder Lagerräumen. Im ersten und zweiten Obergeschoss befanden sich 1943 (Bauplan) je eine Wohnung. Bei der Wohnung im ersten Obergeschoss handelte es sich früher vielleicht um die Wohnung des Hauseigentümers, 1943 wohl eines Mieters (wie 1906). Hier sind im hinteren Teil ein Arbeitsraum und ein Lager angegeben. Der südöstliche Raum im ersten Obergeschoss besitzt ebenfalls eine einfache Balken-Bohlen-Decke, die segmentbogige Erker- und die Fensternische sind gefast. Im weitestgehend unsaniert belassenen zweiten Obergeschoss befindet sich im südwestlichen Raum an der Wand östlich des Erkers eine kleine Freilegung mit gotischer Rankenmalerei. Im Speicher sind an der Ost-, Süd- und Westwand noch die Spuren eines oder zweier aufeinanderfolgender früherer Grabendächer zu erkennen, die auch in den hinteren Teil des Hauses durchliefen. Zu dem Grabendach gehören noch zwei mächtige Auflagerbalken (Querbalken) im mittleren und nördlichen Teil. Das vorhandene hohe Satteldach ist erst in jüngerer Zeit aufgesetzt worden. Der große gemauerte Lichtschacht im mittleren Teil vor der Ostwand war bereits vorhanden, als das Grabendach noch stand (Spuren des Grabendachs am Lichtschacht) und wurde für das neue Dach stark erhöht. Der Boden des Speichers ist überwiegend mit Vollziegeln ausgelegt (Brandschutz), zum Teil mit dem eingestempelten Buchstaben S. Vor der Rückfassade sind in Holzbauweise zwei Kammern eingebaut, die mindestens bis in die Barockzeit zurückreichen dürften (Mittelwand fehlt).

Quellen

StadtA Wasserburg a. Inn, II2372.

Stadt Wasserburg a. Inn, Hausakt Schmidzeile 8.

AK 68 Wasserburg, Akt Schmidzeile 8.

Literatur

AK 68, Prospekt Schmidzeile 8.

Sattler/Ettelt, Bürgerhaus Inn Salzach, 20.

Steffan, Wasserburger Details, Ganserhaus.

Liedke, Bürgerhaus Altbayern, 79, 83.

Empfohlene Zitierweise:

Gerald Dobler, Ganserhaus, publiziert am 21.04.2020 [=Tag der letzten Änderung(en) an dieser Seite]; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Ganserhaus (31.10.2020)
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  1. Sattler/Ettelt, Bürgerhaus Inn Salzach, 20.
  2. AK 68, Prospekt Schmidzeile 8./ Sattler/Ettelt, Bürgerhaus Inn Salzach, 20.
  3. StadtA Wasserburg a. Inn, II2372.
  4. StadtA Wasserburg a. Inn, II2372.
  5. Bauplan, Grundrisse 1. OG, 2. OG, DG, Schnitt mit Blick nach Osten, StadtA Wasserburg a. Inn, II2372.
  6. Sattler/Ettelt, Bürgerhaus Inn Salzach, 20./ Restaurierungsinschrift an der Fassade.
  7. Stadt Wasserburg a. Inn, Hausakt Schmidzeile 8./ Baufortschrittsbestätigung vom 19.8.1976, AK 68 Wasserburg, Akt Schmidzeile 8.
  8. StadtA Wasserburg a. Inn, III1174.
  9. Stadt Wasserburg a. Inn, Hausakt Schmidzeile 8.
  10. Stadt Wasserburg a. Inn, Hausakt Schmidzeile 8.
  11. AK 68, Prospekt Schmidzeile 8.
  12. StadtA Wasserburg a. Inn, II2372.
  13. WA 1918, Nr. 138, WA 1898 Nr. 39.
  14. StadtA Wasserburg a. Inn, II2372.
  15. AK 68, Prospekt Schmidzeile 8.
  16. Stadt Wasserburg a. Inn, Hausakt Schmidzeile 8.
  17. Sattler/Ettelt, Bürgerhaus Inn Salzach, 20.
  18. Nach Liedke, Bürgerhaus Altbayern, 79 geht der polygonale Erker auf eine Form zurück, die vor allem in Innsbruck häufig anzutreffen ist.
  19. Sattler/Ettelt, Bürgerhaus Inn Salzach, 20.
  20. Schreiben des BLfD, Dr. Gebeßler, vom 26.8.1971, AK 68 Wasserburg, Akt Schmidzeile 8./ Dagegen während der Wiederherstellung Schreiben des BLfD, Prof. Dr. Gebhard vom 7.9.1973: Leider ist vom originalen Bestand sehr viel verloren, AK 68 Wasserburg, Akt Schmidzeile 8. Eine Dokumentation der Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten wurde offenbar nicht erstellt.
  21. Steffan, Wasserburger Details, Ganserhaus.
  22. AK 68 Wasserburg, Akt Schmidzeile 8.
  23. Schreiben von Christoph Scholter, BLfD, vom 18.8.2009, Stadt Wasserburg a. Inn, Hausakt Schmidzeile 8.
  24. Schreiben von Kreis-Heimatpfleger Theodor Heck vom 18.10.1971: Das Ganserhaus wurde im Inneren im Lauf der Jahre bereits soweit verändert, daß eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes meines Erachtens kaum mehr möglich sein dürfte, AK 68 Wasserburg, Akt Schmidzeile 8.