Gabriel Neumeier

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Matthias Haupt

 

Biografie Gabriel Neumeier
GND-Normdatensatz

Einführung
Gabriel Neumeier war von 1948 bis 1972 der gewählte Erste Bürgermeister der Stadt Wasserburg a. Inn. Die Nachkriegsgeschichte der Stadt wurde maßgeblich von seiner Person mitbestimmt.

Lebensdaten

Gabriel Neumeier * 14.1.1900 München, † 11.6.1985 Wasserburg a. Inn.

Amtliches Foto des Ersten Bürgermeisters Gabriel Neumeier, 1960er Jahre.

Lebenslauf[1]

Geboren wurde Gabriel Neumeier im Januar des Jahres 1900 in München. Schon mit drei Jahren verwaist, wuchs er im Knabenerziehungsheim in Algasing bei Dorfen auf. Mit 14 Jahren kam er in die Lehre und erlernte das Buchdruckerhandwerk. Nach Jahren der Wanderschaft legte Neumeier 1930 die Meisterprüfung ab. In Laufen, wo er dann tätig war, lernte er seine Frau, eine Wasserburgerin, kennen. 1936 wurde die Ehe geschlossen, aus der eine Tochter und ein Sohn hervorging. Seit der Heirat lebte das Ehepaar Neumeier in Wasserburg.

Gabriel Neumeier galt als ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Seit 1919 war er SPD- und Gewerkschaftsmitglied und wurde deshalb nach 1933 drei Mal in Schutzhaft (euphemistischer Begriff des Nationalsozialismus: Personen konnten aufgrund polizeilicher Anordnung inhaftiert werden, ohne dass dies einer richterlichen Kontrolle unterlag) genommen. Erst 1945 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, nachdem er in den Jahren zuvor Zivilangestellter des Wehrmeldeamtes gewesen war. Nach dem Krieg geriet er bis zum Februar 1946 in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Privat war Neumeier als sehr geselliger Mann bekannt.[2]

Im Sommer 1976 verlor Gabriel Neumeier seine Frau durch einen Autounfall. Ebenfalls verletzt, musste er seither mit einer schweren Gehbehinderung zurechtkommen.

Gabriel Neumeier verstarb 1985 in Wasserburg a. Inn.

Das Stadtarchiv Wasserburg a. Inn verwahrt neben den vorgangsmäßigen amtlichen Dokumenten aus Neumeiers Amtszeit auch dessen Nachlass.

Amtszeit als Erster Bürgermeister der Stadt Wasserburg a. Inn 1948-1972

1948 wurde Neumeier von der SPD als Bürgermeisterkandidat nominiert und in einem Stichwahlentscheid am 9.5.1948 zum Bürgermeister gewählt. Bis Juni 1972 stand er an der Spitze der Stadt, deren Einwohner ihn bei den Kommunalwahlen jedesmal erneut im Amt bestätigten, bei den Wiederwahlen 1952 und 1956 mit über 70 %. Seine erste Stadtratssitzung leitete Neumeier am 31.5.1948. Von 1948 bis 1972 war das Bürgermeisteramt der Stadt noch ein Ehrenamt, für das eine jährliche Aufwandsentschädigung gezahlt wurde, die sich nach der Einwohnerzahl beziehungsweise nach dem Gesetz über Kommunale Wahlbeamte richtete.[3]

In der Nachkriegszeit plante Neumeier den für die Entwicklung der Stadt wichtigen Wohnungsbau federführend mit und schuf Wohnraum für die v.a. durch Flüchtlingszuzug stark angewachsene Bevölkerung Wasserburgs. So entstanden von 1949 bis 1960 neun Wohnblöcke mit 74 Wohnungen.[4]

Der Kommunalwahlkampf 1952 war geprägt durch einen herben Schlagabtausch zwischen SPD und CSU. Dieser wurde hauptsächlich durch Wahlflugblätter geführt, welche an die Haushalte und in der Stadt verteilt wurden. Die CSU behauptete, der Bürgermeister sei korrupt, da die Stadtverwaltung aus Neumeiers Geschäft Waren für über 7.000 DM bezogen habe, während andere Geschäftsleute nicht zum Zuge gekommen seien.[5] Die SPD hingegen versuchte die Vorwürfe mit Gegendarstellungen zu entkräften und konnte damit die Wählerschaft überzeugen.[6]

Nach Überwindung der unmittelbaren Nachkriegsnotzeiten setzte sich Neumeier weiterhin intensiv für den Bau von Schulen und Kindergärten in Wasserburg ein.

Der Erwerb der Grundstücke für den späteren Kreiskrankenhausbau mit 7,1 ha, eingeweiht 1964, war ein politischer Coup, der von Neumeier selbst als Blitzaktion[7] bezeichnet wurde. Die Abfolge der Handlungen hatte jedoch nicht der Geschäftsordnung des Stadtrates entsprochen. Rechtlich bindend (durch Notarvertrag) schloss Neumeier nämlich den Erwerb der verschiedenen Grundstücke in der Burgau im Jahr 1958 ab, ohne hierfür durch den Stadtrat legitimiert worden zu sein. Die Entscheidung ließ er sich erst anschließend im Stadtrat bestätigen.[8] Danach wurden die Grundstücke dem Landkreis zum Bau des Kreiskrankenhauses kostenlos überlassen.[9]

Bei der Kommunalwahl 1966 sackte die Zustimmung für Neumeier, wohl auch auf Grund seiner einsamen Beschlüsse[10], auf 51,2 % ab. Sein Gegenkandidat, Hans Klinger von der CSU, blieb nur 88 Stimmen hinter dem Amtsinhaber zurück.[11]

Während Neumeiers Amtszeit und in Rückblicken auf seine Amtszeit, wurde diese von der lokalen Presse wie folgt und durchgehend würdigend zusammengefasst:

Der Kommunalpolitiker erfüllte seine Aufgabe mit großem persönlichen Einsatz, Verantwortungsgefühl und im Bemühen um Verständigung und Ausgleich über parteipolitische Grenzen hinweg. Zugleich pflegte er einen durchaus eigenständigen und manchmal auch eigenwilligen Stil, der aber durchaus der Stadt zugute kam. So stünde etwa heute das Kreiskrankenhaus nicht an so idealer Stelle, hätte nicht Gabriel Neumeier seinerzeit einen seiner 'einsamen Beschlüsse' gefaßt, der dann erst nachträglich vom Stadtrat die Zustimmung erhielt. Das Bemühen um Industrieansiedlung, die Verbesserung der Infrastruktur und die Behebung der damaligen Wohnungsnot — Neumeier arbeitete an führender Stelle in der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft mit — war ihm ein besonderes Anliegen. Nachhaltig und erfolgreich setzte sich Gabriel Neumeier als Bürgermeister für Wasserburg als Schulstadt ein. Der Bau der Hauptschule am Klosterweg war ein markantes Ereignis während seiner Amtszeit, in der auch der Kindergarten an der Gartenstraße entstand und von der Stadt der Grund für die damals neue Staatliche Knabenrealschule bereitgestellt wurde. Nicht zu vergessen ist, daß mit dem Grunderwerb für das heutige Sport- und Freizeitzentrum in der Ära Neumeier begonnen wurde.[12]

Politische Ziele habe Neumeier in seinem Amt eher nicht verfolgt: das Wohl der Allgemeinheit habe immer im Vordergrund seiner Tätigkeit gestanden.[13] Weiterhin sei Neumeiers Handeln stets von sozialem Empfinden geprägt gewesen.[14]

Neumeier gehörte verschiedenen Gremien wie dem Kreistag oder auch dem Bayerischen Städtetag an. Durch die Übernahme von zahlreichen Ehrenämtern habe er an der Gestaltung des Gemeinschaftslebens in hervorragendem Maße teilgenommen.[15]

Aus Altersgründen trat Bürgermeister Neumeier bei den Kommunalwahlen am 11.6.1972 nicht mehr an. Als sein Nachfolger setzte sich Dr. Martin Geiger (Wasserburger Block) mit 55,2 % Stimmenateil gegen den SPD Kandidaten durch.[16] Das schlechte Abschneiden der SPD bei dieser Wahl wird in der inneren Zerstrittenheit des Ortsverbandes seit 1969 und der konkurrierenden Nachfolgekandidaten Neumeiers, Rudolf Heinz und Willi Kreck, gesehen.[17] SPD-Bürgermeisterkandidat 1972 wurde jedoch schließlich Andreas Reiser.[18] Das schlechte Abschneiden der CSU auf kommunaler Ebene hingegen hing unmittelbar mit der Auflösung des Landkreises Wasserburg zusammen, welche die Wasserburger Bevölkerung gegen die CSU und die von ihr geführte Staatsregierung aufbrachte.[19]

Daten zur Amtszeit

Wahlergebnisse der Wasserburger Bürgermeisterwahlen

Jahr Stimmenanteil Gabriel Neumeiers
1948 Stichwahl zwischen Gabriel Neumeier und Alfons Püls[20]
1952 72,7 %[21]
1956 70,93 %[22]
1960 82,8 %[23]
1966 51,2 %[24]

Öffentliche Ämter, Kommunale Funktionen und Mitgliedschaften in Verbänden, Vereinen und Organisationen[25][26]

  • SPD Mitglied ab 1919
  • Mitglied der Arbeiterwohlfahrt ab 1921
  • Mitglied der Gewerkschaft für Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr ab 1929
  • Mitglied im Verwaltungsrat und Vorstand der Kreis- und Stadtsparkasse, teils als Mitglied, teils als Vorsitzender ab 1948
  • Aufsichtsratsvorsitzender und Stellvertretender Vorsitzender der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft ab 1950
  • Vorsitzender der Volkshochschule ab 1952
  • Mitglied des Hauptausschusses/Finanzausschusses des Bayerischen Städtetags (Städteverband) ab 1952
  • ehrenamtlicher Sozialrichter am Sozialgericht München von 1954-1974
  • Vorsitzender der Berufsschulverbände ab 1954 bis zu deren Übernahme durch den Kreis 1971
  • Kreistagsmitglied Landkreis Wasserburg a. Inn ab 1.5.1956
  • Tätigkeit als Standesbeamter mit über 1.000 Trauungen
  • Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins
  • Mitglied des TSV 1880 Wasserburg ab 1951 sowie in zahlreichen weiteren örtlichen Vereinen

Ehrungen

  • Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland, 1970[27]
  • Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Wasserburg a. Inn, 1972[28]
  • Kommunale Verdienstmedaille des Bayerischen Staatsministeriums des Innern für Verdienste um die kommunale Selbstverwaltung in Bronze, 1973[29]
  • Träger der Johann-Christian-Eberle-Medaille (höchste Auszeichnung im deutschen Sparkasssenwesen)[30]
  • Straßenbenennung, 1986

Auflistung von gemeindlichen Projekten und Aufgaben der Amtszeit des Ersten Bürgermeisters Gabriel Neumeier

1948 bis 1960[31]

  • Wohnungsbau Burgerfeld
  • Erneuerung Kernhausfassade
  • (Teil-)Grunderwerb für Kreiskrankenhausbau
  • Berufsschulbau
  • Schlachthausumbau
  • Erneuerung Turnhallenbau am Gries
  • Neubau eines zweiten Wasserhochbehälters
  • Ausbau und Verbesserung der Straßenbeleuchtung
  • Förderung des Fremdenverkehrs

1960 bis 1972[32]

  • Wohnungsbau mit Bau von ca. 2.000 Wohnungen bis August 1970 (Förderung und Mitwirkung als Bürgermeister und Stellvertretender Vorsitzender der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft)
  • Einwerbung von Fördergeldern (Bundesbauort Wasserburg)
  • Industrieansiedlung mit ca. 1.000 Arbeitsplätzen
  • Erneuerung der Kanalisation
  • Bau einer neuen zentralen Volksschule, eingeweiht 1969/70 (heute Mittelschule)
  • Beginn der Planungen für eine Sammelkläranlage
  • Erwerb eines 4,6 ha großen Grundstücks für den späteren Bau eines Sportzentrums (heute BADRIA)

Empfohlene Zitierweise:
Matthias Haupt, Gabriel Neumeier, publiziert am 27.05.2020 [=Tag der letzten Änderung(en) an dieser Seite]; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Gabriel_Neumeier (03.07.2020)
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  1. Zusammenfassung aus Zeitungsausschnitten der Wasserburger Zeitung sowie amtlichen Schreiben, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449./ Kirmayer, Nachkriegsentwicklung.
  2. Kirmayer, Nachkriegsentwicklung.
  3. Zusammenfassung aus Zeitungsausschnitten der Wasserburger Zeitung sowie amtlichen Schreiben, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  4. Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung, 12 (16.1.1960), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  5. Wahlflugblatt der CSU/Bürgermeisterkandidat Deggendorfer (selbst Geschäftsinhaber) 1952, StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  6. Wahlflugblätter der SPD/Bürgermeister Neumeier 1952, StadtA Wasserburg a. Inn, III108./ Bürgermeister Neumeier wurde mit 72,7 % Stimmenanteil wiedergewählt.
  7. StadtA Wasserburg a. Inn, III1449
  8. Stadtratsprotokoll vom 29.9.1958, StadtA Wasserburg a. Inn, III1287.
  9. Bericht der Stadt Wasserburg zu den kommunalen Verdiensten des Ersten Bürgermeisters Gabriel Neumeier an das Landratsamt Wasserburg vom 28.4.1971, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  10. Kirmayer, Nachkriegsentwicklung.
  11. StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  12. Kirmayer, Nachkriegsentwicklung.
  13. Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung, 10 (14.1.1960), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  14. Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung, (16.1.1985), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  15. Bericht der Stadt Wasserburg zu den kommunalen Verdiensten des Ersten Bürgermeisters Gabriel Neumeier an das Landratsamt Wasserburg vom 28.4.1971, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  16. Balcar, Politik auf dem Land, 368.
  17. Balcar, Politik auf dem Land, 377.
  18. StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  19. Balcar, Politik auf dem Land, 367.
  20. StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  21. Balcar, Politik auf dem Land, 196.
  22. StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  23. StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  24. StadtA Wasserburg a. Inn, III108.
  25. StadtA Wasserburg a. Inn, III1449./ Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung (3.8.1970), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449./ Bericht der Stadt Wasserburg zu den kommunalen Verdiensten des Ersten Bürgermeisters Gabriel Neumeier an das Landratsamt Wasserburg vom 28.4.1971, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  26. In der Regel enden die Ämter (wenn nicht anders angegeben) mit oder kurz nach Beendigung des Bürgermeisteramtes.
  27. Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung (3.8.1970), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  28. Stadtratsbeschluss vom 4.5.1972, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  29. Bekanntgabe im Stadtrat vom 23.3.1973, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  30. Traueranzeige der Kreis- und Stadtsparkasse anlässlich des Todes Gabriel Neumeiers, Wasserburger Zeitung (14.6.1985), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  31. Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung, 12 (16.1.1960), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.
  32. Zeitungsausschnitt Wasserburger Zeitung (3.8.1970), StadtA Wasserburg a. Inn, III1449./ Bericht der Stadt Wasserburg zu den kommunalen Verdiensten des Ersten Bürgermeisters Gabriel Neumeier an das Landratsamt Wasserburg vom 28.4.1971, StadtA Wasserburg a. Inn, III1449.