Wiederbeginn des politischen und kommunalen Lebens nach 1945 im Landkreis Wasserburg

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Juliane Günther

Wiederbeginn des politischen und kommunalen Lebens nach 1945 im Landkreis Wasserburg[1]

Die Ausgangssituation

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrschten besonders in ländlichen Regionen wie dem Landkreis Wasserburg am Inn prekäre Zustände. Das Leben der Menschen war bestimmt von blanker materieller Not und der Sorge um eine ungewisse Zukunft. Hinzu kamen schlechte Verkehrsbedingungen, vielerorts eine unzureichende Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung sowie eine mangelhafte Stromversorgung. Es fehlte nicht zuletzt an modernen Bildungseinrichtungen. Auch waren viele Flüchtlinge und Vertriebene in der Folge des Krieges in den Landkreis Wasserburg gekommen, was nicht selten zu Reibereien mit dort Einheimischen führte.[2] Im Oktober des Jahres 1946 lebten bereits über 54.000 Menschen im Landkreis, was verglichen mit den rund 39.000 im Jahr 1939 einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg bedeutete.[3]

Die amerikanische Besatzungsmacht beanspruchte zudem uneingeschränkte Hoheitsrechte in ihrem Besatzungsgebiet. Das gesamte öffentliche Leben wurde von der Militärregierung geregelt. Sie ernannte neue Amtsträger und ließ führende Funktionsträger des Dritten Reiches inhaftieren. Mit pauschalen Massenentlassungen ehemaliger Mitglieder der NSDAP besonders im Bereich der öffentlichen Verwaltung bekämpfte sie den Nationalsozialismus. Im Mai 1945 wurde der ehemalige Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei, Fritz Schäffer[4], von der Militärregierung zum Ministerpräsidenten ernannt. Die nun zum Handeln gemäß der Anweisungen der Militärregierung befugte Bayerische Staatsregierung stand vor einer kaum lösbaren Aufgabe. Einen nicht unerheblichen Teil davon stellte neben der Versorgung der Bevölkerung auch die Wiederherstellung der öffentlichen Verwaltung dar.[5] Das Bestreben der Besatzungsmacht nach Kriegsende rasch eine Demokratie in Bayern zu etablieren, schuf hingegen den gesetzlichen Rahmen für den Wiederbeginn des politischen Lebens. Dabei behielten sich die Amerikaner die Entscheidung über jeden einzelnen Gründungs- oder Neuzulassungsantrag einer Partei vor.[6]

Für die an einem politischen Neubeginn arbeitenden Parteien waren die Ausgangsbedingungen schwierig. Oft konnten die Parteimitglieder weder telefonisch noch brieflich miteinander in Verbindung treten. Besonders die Papierknappheit erschwerte eine Neuorganisation. Darüber hinaus herrschte innerhalb der Bevölkerung angesichts des verlorenen Krieges und der von der amerikanischen Besatzungsmacht durchgeführten Entnazifizierungsmaßnahmen eine gewisse politische Apathie.[7]

Parteiarbeit der CSU nach Kriegsende

Besonders in den ländlichen Regionen Altbayerns vollzog sich die Gründung der CSU in einer direkten Anknüpfung an die Bayerische Volkspartei (BVP), die während der Weimarer Republik existiert hatte und aus der Bayerischen Zentrumspartei hervorgegangen war. Im Landkreis Wasserburg, wo die BVP bis 1933 eine der einflussreichsten Parteien war, wurde die CSU quasi direkt "auf Anweisung" aus München ins Leben gerufen:

Ende 1945 wandte sich[Staatsrat] Fritz Schäffer, der von München aus die Fäden zog, in einem Brief an seinen ehemaligen Parteifreund Franz Xaver Köck, um ihn von der Gründung der ‚Bayerischen Christlich-Sozialen Union‘ in München zu informieren.[8]

Der in der Stadt Wasserburg lebende Bäckermeister Franz Xaver Köck hatte zur Zeit der Weimarer Republik den Vorsitz der BVP in der Region innegehabt und schien nun die ideale Person für die Etablierung der CSU im Landkreis. Am 17.12.1945 lud Köck zu einer Versammlung in die ‚Gaststätte Aumüller‘ ein, die zur politischen Lizensierung der CSU im Landkreis führen sollte. Zu der Veranstaltung kamen 54 Besucher, darunter befanden sich auch viele von der Militärregierung eingesetzte Bürgermeister aus der Region. Die für die Lizensierung notwendigen 25 Unterschriften von Bürgern die sich während des Nationalsozialismus nichts hatten zuschulden kommen lassen waren schnell beisammen.[9] 23 der zur Versammlung erschienenen Personen waren Selbstständige, neun von diesen Bauern. Ebenfalls vertreten waren selbstständige Kaufleute, Landhandwerker, Fabrikanten und Rechtsanwälte. Abhängig Beschäftigte, Arbeiter und besonders Frauen suchte man unter den Gründungsmitgliedern vergeblich.

Ein planmäßiger Aufbau stabiler Organisationsstrukturen gelang der CSU im ersten Jahr nach ihrer Lizensierung im gesamten Landkreis vorerst nicht. Die Partei veranstaltete nur eine öffentliche Veranstaltung im Monat und erhob keine Mitgliederbeiträge. Anfallende Kosten beglich der Gründungsvorsitzende Franz Xaver Köck aus eigener Tasche.[10] Inhaltlich orientierte sich die Partei an den Leitgedanken ihrer Gründungsmitglieder, die hauptsächlich dem in der Region verwurzelten ländlich-katholischen Besitzmittelstand entstammten. Ein erster 1945 erstellter programmatischer Orientierungsrahmen war zudem nicht frei von unter Alteingesessenen verbreiteten Ressentiments gegen ‚Preußen‘ und Neubürger. Die CSU verstand sich als eine ‚Partei der Bayern‘, in der die Mitgliedschaft von Vertriebenen und Flüchtlingen zwar formal nicht ausgeschlossen, aber eine Seltenheit war. Eine große Rolle spielte das Prestige der in der Gegend meist gut angesehenen Parteimitglieder.

Das rudimentäre Programm war vielmehr als Aufforderung an die Einheimischen zu verstehen, sich hinter dem breiten Rücken angesehener und weithin geachteter Persönlichkeiten zu scharen, die die Lauterkeit der Ziele der Partei verbürgen sollten.[11]

Ihre eigene Entwicklung schätze die CSU weitaus positiver ein als sie letztlich von Statten ging. So gingen die Parteigründer bereits 1946 von 6.000 bis 7.000 Parteimitgliedern aus, die damit mehr als zehn Prozent der Bevölkerung im Landkreis ausgemacht hätten. Obwohl die Wasserburger Militärregierung diese Zahlen akzeptierte und die neu hinzukommenden Mitglieder einfach dazu addierte, waren 1946 nur 354 Personen eingeschriebene Parteimitglieder.[12]

In der Aufbauphase der CSU spielten einflussreiche und in der Region bekannte Persönlichkeiten eine große Rolle, die die Anliegen der Partei in den wenigen öffentlichen Veranstaltungen wortgewandt vorbrachten. Der Gründungsvorsitzende Franz Xaver Köck stellte sich jedoch weder als mitreißender Redner noch als begnadeter Organisator heraus. Schnell geriet er in den Schatten der eigentlichen, unter den Gründungsmitgliedern vertretenen Führungspersönlichkeit: Dr. Max Zwicknagl. Der aus einem großbürgerlichen Elternhaus stammende promovierte Ökonom war bereits in den 1920er Jahren im Wirtschaftsbeirat der BVP beschäftigt gewesen. Nachdem er unter den Nationalsozialisten mehrfach Geldbußen und kürzere Haftstrafen hatte ableisten müssen, wurde Zwicknagl 1944 zum Kriegsdienst einberufen. Nach Kriegsende unterstützte er die Amerikaner als unbescholtener Einheimischer in einem Fünferausschuss bei der Entnazifizierung in Rott am Inn. Dabei ging er schonungslos gegen die Bewohner der Gemeinde vor, die sich als überzeugte Nationalsozialisten gezeigt hatten. Im Urteil über die ‚Verführten‘ berief er sich jedoch auf die christliche Nächstenliebe und ließ Milde walten. Der wortgewandete Brauereibesitzer stieg nach seinem Einzug in den Kreistag im April 1946 schnell zum Vorsitzenden der CSU Fraktion auf. Dabei positionierte sich Zwicknagl auch klar für den Unterschied von der gescheiterten BVP. Er sah die CSU als eine moderne Partei die über die katholische Bevölkerung hinaus auch liberale und evangelische Wähler ansprechen sollte.[13]

Verglichen mit den ständigen Streitigkeiten die zwischen der CSU Landtagsfraktion und der Landesleitung herrschten, befand sich die Partei im Landkreis Wasserburg in einem tendenziellen Gleichgewicht. Dieses garantierte in der Anfangszeit den Frieden innerhalb des Kreisverbandes und damit auch seine ersten Erfolge.[14]

Parteiarbeit der SPD nach Kriegsende

Obwohl die SPD nach Kriegsende im Gegensatz zur CSU keine neue Partei war, musste sie sich von Grund auf neu organisieren. Im Landkreis Wasserburg kamen für diesen Neubeginn erschwerte Bedingungen hinzu, da das vor 1933 dort vorhandene sozialistische Milieu 1945 kaum noch existierte. In städtischen Ballungszentren fiel es der SPD leichter, sich zumindest personell neu zu organisieren, während ihre Etablierung in den Dörfern besonders schwer fiel. Sie hielt an dem Charakter einer Arbeiterpartei fest und beschränkte sich somit selbst auf die Zielgruppe der städtischen Industriearbeiterschaft. Auf die Landarbeiter, bei denen die SPD noch nie großen Anklang gefunden hatte, wirkte die von dem Parteivorsitzenden Kurt Schumacher verwendete aggressive Klassenkampfrhetorik zudem abschreckend.[15]

Die noch im Landkreis vorhandenen Anhänger der SPD betonten im Antrag auf die Wiederzulassung nicht ohne Stolz die langjährige Geschichte der Partei als traditionelle Gegnerin des Nationalismus. Stark bezog sich die SPD bei ihrer Neuorganisation auf Strukturen aus der Zeit der Weimarer Republik. Die vor 1933 gültigen Statuten wurden bei der Neuzulassung wieder in Kraft gesetzt. Auch ihr Mitgliederprofil hatte sich kaum verändert und viele der 25 Parteigründer waren schon vor 1933 Mitglieder der SPD gewesen. Von ihnen gehörten 20 zur Arbeiterschaft, wobei Facharbeiter gegenüber ungelernten Hilfsarbeitern dominierten. Drei gingen einer selbstständigen Tätigkeit nach, Bauern, Landarbeiter und Frauen befanden sich nicht unter ihnen.[16]

Josef Estermann 1945.

Als Gegner des Nationalsozialismus wurden die SPD-Mitglieder von der amerikanischen Besatzungsmacht gefördert und auch im Landkreis Wasserburg wurden wichtige Ämter zunächst mit ihnen besetzt. So wurde einer der Neugründer, der Korbmacher Josef Estermann, von den Amerikanern im Mai 1945 zunächst zum Bürgermeister der Kreisstadt und im Oktober des gleichen Jahres zum Landrat ernannt. Der 1898 in Wasserburg geborene aus kleinen Verhältnissen stammende Estermann war nicht zuletzt durch seinen turbulenten Lebenslauf eine schillernde Persönlichkeit innerhalb der Partei. Zunächst Mitglied der SPD, war er von deren lascher Haltung enttäuscht der KPD beigetreten und wegen der Beteiligung an einem Waffendiebstahl steckbrieflich gesucht worden. Schließlich floh er nach Russland. Von dort aus musste er erneut fliehen, da er in das Räderwerk der Geheimpolizei Stalins geraten war. 1932 verurteilte man ihn in Leipzig zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe und im Jahr 1933 brachte man ihn in das Konzentrationslager Dachau, aus dem er 1934 wieder entlassen wurde. Zurück in Wasserburg arbeitete er erfolgreich als selbstständiger Korbmacher, der sich durch die Produktion von kriegswichtigen Granatkörben dem Einsatz im Zweiten Weltkrieg entziehen konnte. In den letzten Kriegstagen wurde Estermann zum Anführer einer gegen die Nationalsozialisten gerichteten Freiheitsaktion und aufgrund dessen wenig später von einem Schnellgericht zum Tode verurteilt. Ihm gelang wiederum die Flucht in den Leichenraum des Wasserburger Krankenhauses, in dem er sich bis zum Eintreffen der Amerikaner in der Stadt verbarg. Jedoch war Josef Estermann nur kurzfristig Landrat, da ihn ehemalige Bekannte aus seiner Zeit bei der KPD wegen seines Übertritts zur SPD als angeblichen Spitzel der Gestapo denunzierten. Auch wenn der gegen ihn angestrebte Prozess bald im Sand verlief, war seine politische Karriere damit beendet. Die Wahlen im Jahr 1946 beendeten zudem die Stellung, die die SPD in der Stadt Wasserburg besessen hatte, als Alfons Püls von der CSU neuer Bürgermeister wurde.[17] Durch den Verlust Estermanns wurde die SPD im Landkreis Wasserburg kopf- bzw. führungslos.[18].

Der Einfluss der SPD konzentrierte sich sehr auf die Kreisstadt, während der Landkreis mit seiner hauptsächlich aus katholisch geprägten Bauern, Handwerkern und Landarbeitern bestehenden Bevölkerung für die Partei schwer erreichbar blieb. Daneben nutzten andere Parteien die auf dem Lande bestehende Skepsis gegen die SPD geschickt aus. Zum Zeitpunkt ihrer offiziellen Zulassung im Januar 1946 zählt die SPD 33 Parteimitglieder. Anfang April waren es bereits 67, wovon jedoch 51 in der Kreisstadt lebten.[19]

Mit konkreten Werbekampagnen bemühte sich die SPD besonders um die Neubürger im Landkreis. Obwohl dieser Personenkreis 1946 fast 22 Prozent der dortigen Bevölkerung ausmachte, war die SPD zunächst die einzige Partei, die ihn als potentielle Wähler umwarb. Sie organisierte Versammlungen für Neubürger und konnte ihre Mitgliederzahl besonders in der Kreisstadt enorm vergrößern. Bei Alteingesessenen wurde sie deswegen jedoch verächtlich als eine Partei der ‚Ortsfremden‘ betrachtet, was die SPD in ihrer Werbung um neue Parteimitglieder wenig beeindruckte.[20]

Wahlen und Wahlkampf im Jahr 1946

Auch wenn die SPD bei der ersten Landtagswahl nach Kriegsende im Landkreis Wasserburg mit rund 17 Prozent das beste Ergebnis nach den Wahlen von 1928 (acht Prozent) und 1932 (rund sechs Prozent) erzielen konnte, war die CSU die eindeutige Wahlsiegerin und somit dominierende Kraft in der Region. Die kurze zwischen der Ankündigung der Wahlen und deren Durchführung liegende Zeit stellte für alle Parteien gleichermaßen ein Problem dar. Besonders hinderlich für den Wahlkampf war die nach Kriegsende herrschende, notorische Papierknappheit. Die CSU meisterte diese Herausforderung insofern am besten, als sie auf öffentliche Wahlveranstaltungen mit Diskussionen und zugkräftigen Rednern setzte. Unter anderem konnte sie Fritz Schäffer gewinnen, der bis vor kurzem noch den Posten des Ministerpräsidenten bekleidet hatte und 550 Zuhörer aus der ganzen Region anziehen konnte. In seiner rhetorisch ausgefeilten Ansprache verglich Schäffer unter anderem die Rolle der durch den Nationalsozialismus ‚Verführten‘ mit der Versuchung Christi durch den Satan und kritisierte den hohen Anteil von ‚Zugereisten‘ in der Verwaltung. Auch die weiteren, nur mit Rednern aus dem katholisch-konservativen Flügel der Partei besetzten Veranstaltungen, waren sehr erfolgreich. Wie die CSU organisierte auch die SPD öffentliche Wahlveranstaltungen mit prominenten Rednern, die sich großer Beliebtheit erfreuten und durchschnittlich zwischen 200 und 300 Besucher anzogen. Verglichen mit den CSU-Rednern gelang es den Referenten der SPD jedoch nicht gleichermaßen, die Ängste, Wünsche und Hoffnungen der Landbevölkerung anzusprechen.[21]

Die SPD war bestrebt, sich mit den in den Landkreis gekommenen Flüchtlingen und Vertriebenen neue Wählergruppen zu erschließen. Dieses Vorhaben wurde jedoch von der am 18. Dezember 1945 von den Amerikanern erlassenen bayerischen Gemeindeordnung gestört, die nur deutschen über 21 Jahre alten Staatsbürgern, die mindestens ein Jahr in ihrer Gemeinde ansässig waren, das Wahlrecht zusprach. Gleiches galt auch für die Kreistagswahlen und die Wahl zur Verfassungsgebenden Landesversammlung. Durch ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus belastete Personen waren von den ersten Wahlen in Bayern ebenfalls ausgeschlossen.[22]

Noch weniger als der SPD gelang es der KPD im Landkreis Wasserburg Fuß zu fassen. Nur mit Mühe hatten die Initiatoren die für eine Zulassung notwendigen 25 Unterschriften aufbringen können. Umso weniger Aufmerksamkeit erhielten die Wahlveranstaltungen der KPD, die jedoch einen engagierten und aufwändigen Wahlkampf betrieb und sogar mit Flugblättern arbeitete. Doch auch dieser Aufwand wirkte sich letztendlich negativ für das Image der Partei aus, da die Bevölkerung die massive Flugblattkampagne angesichts der Papierknappheit als geschmacklos empfand.[23]

Einen Grund für die im Landkreis Wasserburg und anderen ländlichen Regionen Bayerns erzielten Wahlerfolge der CSU im Jahr 1946 sieht der Historiker Jaromír Balcar in der Bedeutung ihres politischen Personals. Die Partei konnte in dem auf dem Land sehr personalisierten Wahlkampf auf geachtete und angesehene Persönlichkeiten zurückgreifen. Neben einer streng antikommunistischen Stimmung wirkte auch die Kirche als ein wichtiger politischer Faktor für die CSU. Daneben fand ihre mit Blick auf die christliche Nächstenliebe praktizierte Aufarbeitung des Nationalsozialismus bei der Bevölkerung Zustimmung. Das Prinzip die ‚Verführer‘ zu bestrafen, gegen die ‚Verführten‘ jedoch Milde walten zu lassen, befürworteten diejenigen, die die Entnazifizierung als zu radikal und ungerecht empfanden.

Die Gewerkschaften, die vor 1933 die Arbeit der SPD unterstützt hatten, waren nach Kriegsende nur langsam wieder aufgebaut worden. Als sie in regionalen Zentren wie der Stadt Wasserburg wieder zu existieren begannen, unterstützten sie erneut die SPD. Jedoch beschränkte sich ihr Einfluss auf die in Wasserburg sehr kleine Gruppe der Industriearbeiter. Die größere Gruppe der Bauern und Landarbeiter wiederum stand unter dem Einfluss des Bayerischen Bauernverbandes, der der CSU verbunden war. Ebenfalls unterstützend für die CSU wirkte die Lizensierungspraxis der amerikanischen Besatzungsmacht, die den Aufbau des bayerischen Parteiensystems als Fünfermatrix zur Folge hatte. Zunächst bildeten diese die Parteien CSU, SPD, KPD, FDP und WAV[24] Als interkonfessionelle Sammlungspartei wollte die CSU das gesamte, vor 1933 in Bayern stark gespaltene, bürgerlich-konservative Lager als Wähler ansprechen. Innerhalb des Parteiensystems gab es für sie kaum ernsthafte Konkurrenz. Dabei stellte sich die große und heterogene Gruppe der potentiellen Wähler auch als Herausforderung dar, was sich in permanenten Führungs- und Flügelkämpfen äußerte. So blieb die Führungsrolle, die die CSU nach den Wahlen 1946 in Bayern innehatte, auch abhängig von der Lizensierungspolitik der amerikanischen Besatzungsmacht.[25]

Die CSU in den 1950er Jahren

Mit dem Ende der amerikanischen Lizensierungspraxis erhielten die CSU und die SPD ab 1948 politische Konkurrenz. Im Fall der CSU war dies insbesondere die ab 1946 auf kommunaler und ab 1948 auf Landesebene lizensierte Bayernpartei. Für die SPD waren es die ab 1950 gegründeten Flüchtlingsparteien, deren Lizensierung die Militärregierung zuvor abgelehnt hatte. Nach dem verlorenen Krieg herrschende wirtschaftliche und soziale Probleme begünstigten zudem die Gründung von Regional- und Protestparteien.[26]

Landrat Heinrich Stulberger 1949 beim Wasserburger Heimatfest.

Der Organisationsaufbau der CSU ging auch nach den Wahlerfolgen im Jahr 1946 besonders auf dem Land nur schleppend voran. Hinzu kamen pausenlosen Diskussionen um die Ausrichtung der Partei mit anhaltenden Flügelkämpfen. Mit der von Ludwig Max Lallinger ins Leben gerufenen Bayernpartei erhielt die CSU eine gefährliche Rivalin im Kampf um die bürgerlich-konservative Wählerschaft. Bereits bei den Kommunalwahlen im April 1948 konnte die Bayernpartei besonders im Regierungsbezirk Oberbayern viele ehemalige CSU-Wähler für sich gewinnen. Auch angesehene Politiker wie der ehemalige Landwirtschaftsminister Joseph Baumgartner verließen die CSU zu Gunsten der Bayernpartei, was dieser wiederum Prestige einbrachte. Im Landkreis Wasserburg erhielt die Bayernpartei bei den Kommunalwahlen 1948 die stimmliche Mehrheit und ihr Kandidat Heinrich Stulberger – ebenfalls ein ehemaliger CSU-Politiker – wurde zum Landrat gewählt. Besonders schmerzlich für die Wasserburger CSU muss die Tatsache gewesen sein, dass Stulberger 1945 zu ihren 25 Gründungsmitgliedern gehört hatte. Gemeinsam mit der Union der Ausgewiesenen, mit der sie vor der Wahl eine Listenverbindung eingegangen war, konnte die CSU jedoch zumindest ihre Position als stärkste Fraktion im Wasserburger Kreistag behalten.[27]

Viele CSU-Mitglieder verließen ihre Partei in der Hoffnung auf eine schnellere politische Karriere bei der Bayernpartei. Einige waren zuvor mit ihren Ambitionen bei der CSU gescheitert, wie auch der Sägewerksbesitzer Andreas Schachner, der zum Fraktionsvorsitzenden der Bayernpartei im Kreistag des Landkreises Wasserburg gewählt wurde.[28]

Daneben gelang es der Bayernpartei bis zum Frühjahr 1948, eine ganze Reihe von Bürgermeistern der kreisangehörigen Gemeinden, die zuvor für die CSU kandidiert oder keiner Partei angehört hatten, zum Eintritt zu bewegen.[29]

Zudem profitierte die Bayernpartei gegenüber der CSU von einer größeren Homogenität in der politischen Ausrichtung ihrer Mitglieder. Solange die Bayernpartei keine Regierungsverantwortung trug, mussten ihre Vertreter in öffentlichen Aussagen und Wahlversprechen keine Rücksicht auf den nach Kriegsende herrschenden Mangel, bestehende Ablieferungsverpflichtungen oder die Integration von Flüchtlingen nehmen. Diese Themen hemmten hingegen die CSU, die den Ministerpräsidenten stellte. Viel einfacher hatte es da die Bayernpartei, die die nach Kriegsende herrschenden Probleme auf die Politik der CSU zurückführen und sich als eine Protestpartei der Einheimischen präsentieren konnte. Zu einem ersten Kräftemessen zwischen den beiden Parteien in ganz Bayern kam es bei der Bundestagswahl im Jahr 1949.[30]

Im Wahlkampf setzte die Bayernpartei auf stark inszenierte Veranstaltungen, bei denen die Redner radikale Thesen vertraten. Beispielsweise beschuldigte man Preußen, Bayern ‚ins Verderben‘ geführt zu haben und forderte einen selbstständigen bayerischen Staat. Darüber hinaus wendete sich die Bayernpartei mit großer Polemik gegen die Neubürger oder auch gegen ihre direkte politische Konkurrenz. Im Landkreis Wasserburg kam es zu diffamierenden Angriffen von Seiten der Bayernpartei gegen führende Persönlichkeiten der CSU. Bedingt durch ihre Regierungsverantwortung konnte sich die CSU nicht mit gleicher Polemik zur Wehr setzen, zumal einige CSU-Politiker auch ein Bündnis mit der Bayernpartei in Erwägung zogen und damit wiederum für parteiinterne Diskussionen sorgten. Im Landkreis Wasserburg richtete sich die CSU in ihren Wahlkampfveranstaltungen ohnehin mehr gegen SPD und KPD. Klar sprach man sich jedoch gegen die von der Bayernpartei geforderte bayerische ‚Abspaltung‘ aus.[31] Auch im Wahlkampf zur Landtagswahl 1950 befand sich die CSU gegenüber der Bayernpartei in der Defensive. Die Wasserburger CSU musste zudem auf ihre Führungspersönlichkeit Max Zwicknagl verzichten, der aus dem bayerischen Landtag in den Frankfurter Wirtschaftsrat gewechselt war und sich aus dem politischen Geschehen im Landkreis mehr und mehr zurückzog.[32]

Auch wenn die CSU 1949 mit 29,2 Prozent der Stimmen stärkste Kraft in Bayern wurde und die Bayernpartei (20,9 Prozent) wie die SPD mit 22,7 Prozent hinter sich ließ, war ihr Wahlergebnis, verglichen mit den vorherigen, alarmierend. Besonders im Landkreis Wasserburg hatte die CSU schlecht abgeschnitten, die Bayernpartei war hier als stärkste Partei hervorgegangen. Anders als die Bayernpartei, die in einzelnen Regierungsbezirken besondere Erfolge erzielen konnte, blieb die CSU jedoch eine gesamtbayerische Partei, die in allen sieben Regierungsbezirken verankert war.[33]

Im Jahr 1950 erlitt die CSU mit 27,4 Prozent der Stimmen erneut eine Niederlage. Im Landkreis Wasserburg hatten nur noch 25,6 Prozent der Wähler ihr ihre Stimme gegeben, was einen Verlust um einen Prozentpunkt im Vergleich zu 1949 bedeutete. Diese Entwicklung kann im Landkreis Wasserburg mit der direkten Konkurrenz der Bayernpartei begründet werden. In 49 der 62 zum Landkreis gehörenden Gemeinden war die Bayernpartei bereits bei den Bundestagswahlen 1949 stärkste Kraft geworden.[34]

Der Landkreis Wasserburg am Inn stellte mit seiner bäuerlichen Prägung und seiner in der großen Mehrheit katholischen Bevölkerung geradezu den Archetyp der altbayerischen Hochburgen der Bayernpartei dar.[35]

In der Kreisstadt selbst wurde die Bayernpartei 1950 auf den zweiten Platz verwiesen. Die stärkste Partei wurde hier allerdings nicht die CSU, sondern die SPD. Das Wahlverhalten der Bewohner der einzelnen Gemeinden in der Vergangenheit hatte auch einen Einfluss darauf, ob eine Gemeinde zur CSU oder zur Bayernpartei tendierte. In Kommunen, in denen die BVP ihre besten Resultate erzielt hatte, schnitt auch die CSU gut ab. Stimmen verlor sie vor allem in Regionen, in denen sich ehemalige Hochburgen des Bayerischen Bauernbundes befanden. Bei den Kommunalwahlen im Jahr 1952 wurden freie Wählergruppen zu einer zusätzlichen Konkurrenz der CSU im Landkreis Wasserburg. Auch gelang es der CSU nicht, mit Karl Deggendorfer das Bürgermeisteramt in der Kreisstadt für sich zu gewinnen. Mit nur 27,3 Prozent der Stimmen musste er sich gegen den amtierenden SPD-Bürgermeister Gabriel Neumeier geschlagen geben.[36]

Eine Trendwende für die CSU brachte die Wahl zum Zweiten Deutschen Bundestag im September 1953. Die Bayernpartei erreichte mit rund neun Prozent ein um über zehn Prozentpunkte schlechteres Ergebnis als bei der ersten Bundestagswahl. Sie konnte nicht in das Bonner Parlament einziehen und sank zu einer reinen Landespartei herab. Als eindeutige Wahlsiegerin ging die CSU hervor. So war es auch im Landkreis Wasserburg. Die Bayernpartei musste sich in einer ihrer einstigen ‚Hochburgen‘ mit nur 25,7 Prozent der Stimmen zufrieden geben, während die CSU 45,7 Prozent erhielt. In 52 der 62 zum Kreis gehörenden Gemeinden setzte sich die CSU als stärkste Partei durch. Dieser für viele Zeitgenossen unerwartete Wahlerfolg kann einerseits mit der großen Popularität von Bundeskanzler Konrad Adenauer begründet werden, hinter den sich die CSU trotz aller internen Streitigkeiten stellte. Für viele Wähler bedeutete die CSU den Fortbestand der Kanzlerschaft Adenauers. Obwohl sich die Bayernpartei in Ermangelung einer Alternative auch für Adenauer aussprach, befand sich die CSU diesbezüglich in der besseren Position. Sie betonte, dass eine Zersplitterung des bürgerlichen Lagers allein der SPD zugute kommen könne. Einen weiteren Erfolgsfaktor im Wahlkampf bildete darüber hinaus der große Einsatz von Bundestagskandidat Josef Bauer[37] ,der eine große Anzahl von Wahlauftritten absolvierte. Von der Wahlniederlage der Bayernpartei überrascht, traten einige ihrer Funktionäre zur CSU über und es vollzog sich erneut ein Personalwechsel zwischen den beiden Parteien.[38]

Kreisvorsitzender der CSU im Landkreis Wasserburg Karl Neuburger.

Josef Bauer gehörte zu den jungen Männern, die 1953 einen Generationswechsel bei der CSU in vielen bayerischen Landkreisen einleiteten. Oft verbanden sie die gleichen Erfolg versprechenden Eigenschaften. Sie hatten prägende Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit gesammelt. In den Regionen in denen ihre politischen Karrieren begannen, waren sie tief verwurzelt und auch nach einem Wechsel nach München oder Bonn blieben sie diesen verbunden. Im Hinblick auf ihre soziale Stellung in der Gesellschaft ähnelten sie sehr den klassischen Honoratioren der CSU, deren Nachfolge sie antraten. Mit ihnen hatte die ‚neue Generation‘ die Verwurzelung im christlichen Glauben und dem landwirtschaftlichen Verbandswesen gemeinsam. Allerdings zeichneten sich die jungen CSU-Politiker durch ihre moderne Einstellung und einen dadurch beeinflussten Politikstil aus. Ihnen gelang es den Organisationsapparat der Partei auszubauen und zu reaktivieren. Sie erweiterten den bisher hauptsächlich auf den Wahlkampf konzentrierten politischen Dialog mit der Bevölkerung um Veranstaltungen und Sprechstunden und trugen damit auch zu einer stärkeren Demokratisierung des politischen Prozesses bei. Auch das innerparteiliche Klima wurde durch sie ausgeglichener. Im Jahr 1955 wurde Franz Xaver Köck in seinem Amt als Kreisvorsitzender der CSU im Landkreis Wasserburg von Karl Neuburger[39] abgelöst, der sich mit Josef Bauer optimal ergänzte.[40] Mit Simon Hangl stellte die CSU 1957 einen nebenberuflichen Geschäftsführer für den Bundeswahlkreis ein, zu dem auch der Landkreis Wasserburg gehörte. Durch ihn sollte Karl Neuburger entlastet werden, der nicht nur Kreisvorsitzender im Landkreis Wasserburg war, sondern Josef Bauer auch in den anderen beiden zum Bundeswahlkreis gehörenden Landkreisen (Altötting und Mühldorf am Inn) den Rücken frei hielt.[41]

Bedingt durch die nun voranschreitende Organisation der Partei und den Generationenwechsel konnte die CSU auch in den Jahren nach 1955 bayernweit Wahlerfolge erzielen. Bei den Kommunalwahlen im Jahr 1956 zeigte sich, dass die CSU besonders dort, wo sie über einen funktionierenden Ortsverband verfügte, gute Wahlergebnisse erhielt. Mit den in Bayern erzielten 57,2% knüpfte die CSU bei der Bundestagswahl im Jahr 1957 erstmals wieder an ihre Wahlergebnisse von 1946 an. Die Bayernpartei musste dagegen große Stimmenverluste hinnehmen. Ausschlaggebend für diesen Erfolg waren unter anderem die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Entwicklung Westdeutschlands unter Bundeskanzler Konrad Adenauer und das neue Grundsatzprogramm, mit dem sich die CSU 1957 selbst auf die Höhe der Zeit brachte. Auch die Ausstattung der Bundeswahlkreisgeschäftsstellen wurde vor dem Wahlkampf in den ländlichen Regionen verbessert. So verfügte das Sekretariat in Wasserburg schließlich über ein langersehntes Auto und einen Filmprojektor zum Abspielen des eigens für die CSU angefertigten, psychologisch äußerst geschickt komponierten Werbefilms.[42]

Die Bayernpartei verlor im Laufe der 1950er Jahre schnell an Dynamik und Attraktivität. Im Jahr 1954 ergriffen ihre Vertreter die verzweifelte Maßnahme sich mit der SPD, der FDP und dem BHE[43] in einer ‚Viererkoalition‘ gegen die CSU zu verbünden. Dabei wurde sie für ihre Wählerschaft immer unglaubwürdiger, wenn sie versuchte, sich als einzige Bewahrerin bayerischer Tradition zu präsentieren, aber gleichzeitig mit der SPD koalierte. Auch existierten viele Zukunftsängste und materielle Nöte, die sich die Bayernpartei zunächst als Protestbewegung hatte zunutze machen können innerhalb der nun vom ‚Wirtschaftswunder‘ beflügelten Bevölkerung nicht mehr. Viele ihrer einstigen Spitzenpolitiker wechselten von der Bayernpartei zur CSU. Schließlich verschwand die Bayernpartei genauso rasch von der politischen Bildfläche, wie sie zehn Jahre zuvor aufgetaucht war.[44]

Einen herben Rückschlag musste die CSU im Landkreis Wasserburg jedoch bei den Landrats- und Landtagswahlen im Jahr 1958 hinnehmen. Sie versuchte zunächst vergeblich den amtierenden Landrat Heinrich Stulberger (Bayernpartei) von einer Kandidatur auf der CSU-Liste oder zumindest zu einem gemeinsamen Vorschlag von CSU und Bayernpartei zu überzeugen. Notgedrungen präsentierte sie dann den völlig unbekannten Oberregierungsrat Hans-Georg Mayer aus München als Landratskandidaten. Die Popularität des Landrates war schließlich ausschlaggebend dafür, dass Stulberger mit 77,3 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt wurde, während Mayer enttäuschende 22,7 Prozent erhielt. In der Folge drohte der Kreisvorsitzenden Karl Neuburger mit seinem Rücktritt und es kam zu Auflösungserscheinungen in einigen CSU-Ortsverbänden. Diese Niederlage im Landkreis Wasserburg war jedoch nicht repräsentativ für die Landratswahlen von 1958, bei denen die CSU bayernweit betrachtet sehr erfolgreich war.[45]

Die SPD in den 1950er Jahren

Josef Kriegisch (Erster von links) beim Wasserburger Heimatfest 1949.

Der Landkreis Wasserburg war einer der wenigen bayerischen Landkreise, in denen die SPD bei den Landtagswahlen 1946 Zugewinne verbuchen konnte. Es gelang ihr, sich dauerhaft als Vertretung der Flüchtlinge und Vertriebenen im Landkreis zu etablieren. Dabei bemühte sich die Partei gezielt um die Neubürger und stellte die Lösung des Flüchtlingsproblems ins Zentrum des Bundestagswahlkampfes von 1949. Um diese zu erreichen, wollte die SPD Fürsorgeleistungen verbessern und Arbeitsplätze schaffen sowie für einen gerechten Lastenausgleich sorgen. Unter den Politikern der SPD befanden sich beispielsweise mit Volkmar Gabert[46] und Josef Kriegisch[47] auch Personen die selbst Flucht und Vertreibung erfahren hatten.[48]

Allerdings gelang es der SPD in den 1950er Jahren nicht, in den ländlichen Regionen Bayerns Fuß zu fassen. In der öffentlichen Meinung galt sie vielerorts noch als ‚kirchenfeindlich‘, was es der Partei besonders in den katholisch geprägten Landesteilen schwer machte. Ungeschickte gegen die Kirche gerichtete Äußerungen, beispielsweise von Parteichef Kurt Schumacher, verstärkten diese Skepsis noch und lieferten CDU und CSU eine willkommene Angriffsfläche. Die Kirche ihrerseits rief die Gläubigen dazu auf, nur einer christlich ausgerichteten Partei ihre Stimmen zu geben. Auch der in Westdeutschland beinahe allgegenwärtige Antikommunismus schadete den Sozialdemokraten besonders auf dem Land. Die politischen Gegner nutzten diese Stimmung und versuchten die SPD gezielt als Partei des Kommunismus zu stilisieren. Und für viele mit dem unter Bundeskanzler Adenauer erzielten ‚Wirtschaftswunder‘ Zufriedene klang der Wunsch der SPD nach Wirtschaftsplanung und Sozialisierung der Schlüsselindustrien zu sehr nach einer Planwirtschaft sowjetischen Typs. Das von der SPD propagierte Agrarprogramm fand in ländlichen Gegenden ebenso keine große Zustimmung, da es besonders für die Konsumenten und nicht für die Produzenten landwirtschaftlicher Produkte Verbesserungen vorsah. Die Lebensbedingungen der Bauern spielten darin keine Rolle.[49]

Stärker als die CSU griff die SPD bei der Finanzierung ihrer Parteiarbeit auf Mitgliederbeiträge zurück. Der Verlust von Mitgliedern wirkte sich somit besonders negativ auf die Finanzkraft der Partei aus.[50] Die wachsenden Ausgaben für den Wahlkampf bedeuteten für die SPD eine größere Herausforderung als für die CSU, die auf großzügige Spenden aus der Industrie hoffen konnte. Daneben brachte auch das Kassieren der Mitgliederbeiträge Probleme mit sich. Gezahlt wurde nicht per Bankeinzug oder Überweisung sondern persönlich bei einem zur Vorstandschaft des jeweiligen Ortsvereins gehörenden Kassier. Die SPD versuchte ihre dauerhaft schlechte finanzielle Situation durch eine Zentralisierung der Organisation auf allen Ebenen in den Griff zu bekommen. Kleine Geschäftsstellen sollten verschwinden und ganze Bezirke wurden für die Parteiarbeit miteinander fusioniert. So wurde aus den SPD-Bezirken Oberbayern und Schwaben der Bezirk Südbayern, was wiederum Probleme und Eifersüchteleien zur Folge hatte.[51] Die Ausdünnung des Parteiapparates aus finanziellen Gründen ging auf Kosten der ländlichen Regionen, da sich die Bezirkssekretariate nur noch in den urbanen Zentren wie München oder Nürnberg befanden.[52]

So stärkte die organisatorische Entwicklung der SPD in den fünfziger Jahren einseitig die städtischen Hochburgen, während sie die Probleme in der ländlichen Diaspora noch verschärfte.[53]

Diese Schwäche auf dem Land zeigte sich auch im Wahlkampf, in dem es der SPD schwer fiel, die wenigen Stammwähler zu mobilisieren und neue Stimmen hinzuzugewinnen. Nach den enttäuschenden Ergebnissen der Bundestagswahl 1949 und der Landtagswahl 1950 stand für die SPD fest, dass sie in Bayern nicht ohne einen Zugewinn in den landwirtschaftlich geprägten Regionen Fuß fassen konnte.[54]

Mit der Abwanderung vieler Flüchtlinge und Vertriebener in Regionen, in denen sich ihnen bessere Verdienstmöglichkeiten boten, verlor die SPD auf dem Land wichtige Wähler und Parteimitglieder. Und nicht nur die Aussicht auf eine gut bezahlte Arbeit veranlasste viele Neubürger dazu, dem Land den Rücken zu kehren. Flüchtlingen, die noch dazu der SPD angehörten, schlug dort immer wieder Geringschätzung entgegen. Aber auch die einheimischen SPD-Mitglieder hatten es nicht einfacher. So hatte die Partei in den gesamten 50er Jahren Schwierigkeiten bei der Anmietung von Vereinslokalen im ländlichen Raum. Aus Angst um den Arbeitsplatz wagten manche Sympathisanten den Eintritt in die SPD nicht. Auf Anfeindungen reagierten betroffene Ortsvereine mit einer starken Abschottung von der Außenwelt. Ihren Mitgliedern boten sie dagegen vielerorts ein umfangreiches Betätigungsfeld. Die SPD wurde damit eine Alternative zu den dörflichen und kleinstädtischen Vereinen, zu denen Parteimitgliedern der Zutritt oft verwehrt blieb. Auch wenn die SPD damit ihren Mitgliedern ein Gefühl der Zugehörigkeit gab, blieb sie durch die Abschottung vom ländlichen Umfeld für viele eine fremde Partei.[55]


Empfohlene Zitierweise:
Juliane Günther, Wiederbeginn des politischen und kommunalen Lebens nach 1945 im Landkreis Wasserburg, publiziert am 18.04.2019; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Wiederbeginn_des_politischen_und_kommunalen_Lebens_nach_1945_im_Landkreis_Wasserburg (21.05.2019)


  1. Dieser Artikel basiert auf den den Landkreis Wasserburg am Inn betreffenden Kapiteln aus der Publikation: Jaromir Balcar, Politik auf dem Land. Studien zur Bayerischen Provinz 1945 bis 1972 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 56/Bayern im Bund, Band 5), 2004. Neben dem Landkreis Wasserburg am Inn betrachtet der Autor auch die Landkreise Landsberg am Lech (Oberbayern), Bogen (Niederbayern), Bleingries, Neumarkt und Roding (Oberpfalz), Feuchtwangen und Rothenburg ob der Tauber (Mittelfranken), Königshofen im Grabfeld (Unterfranken) sowie Neuburg an der Donau und Nördlingen (Schwaben) im Zeitraum von 1945 bis 1972.
  2. Mit den Flüchtlingen und Vertriebenen kam auch erstmals eine nennenswerte Anzahl von Protestanten in die katholisch geprägte Region. Vgl. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 460.
  3. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 134.
  4. Fritz Schäffer wurde bereits Ende September 1945 wieder aus seinem Amt als Ministerpräsident entlassen, da er die Säuberung der öffentlichen Verwaltung von Nationalsozialisten nicht ausreichend rigoros betrieben haben soll. Als neuer Ministerpräsident wurde der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner ernannt, der bereits vor 1933 als Gegner Adolf Hitlers hervorgetreten und anschließend in die Schweiz emigriert war. Vgl. Wolfgang Benz, Alliierte Deutschlandpolitik, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Alliierte_Deutschlandpolitik (9.1.2019).
  5. Haus der Bayerischen Geschichte, Bayern nach dem II. Weltkrieg, URL: http://www.hdbg.de/polges/pages/druck/kapitel8.pdf (9.1.2019).
  6. Haus der Bayerischen Geschichte, Bayern nach dem II. Weltkrieg (wie Anm. 5).
  7. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 133.
  8. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 137.
  9. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 138.
  10. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 139-140.
  11. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 141.
  12. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 139.
  13. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 141-145.
  14. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 147.
  15. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 148.
  16. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 148-149.
  17. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 150-151.
  18. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 152.
  19. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 152.
  20. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 154.
  21. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 156-158.
  22. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 164-165.
  23. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 160-161.
  24. WAV steht für die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung die 1946 in Bayern als Partei lizensiert wurde. Wegen ihres nicht unumstrittenen Gründers Alfred Loritz wurde sie auch ‚Loritz-Partei‘ genannt. Die WAV verfolgte kein schriftlich niedergelegtes Programm, sondern versuchte durch ihre betonte Andersartigkeit, die sie von den in der Weimarer Zeit gescheiterten Parteien unterscheiden sollte, Wähler für sich zu gewinnen. Besonders der Führungsstil von Alfred Loritz destabilisierte die WAV. Nachdem es die Partei geschafft hatte, eine Beteiligung im Kabinett von Ministerpräsident Hans Ehard (CSU) zu erlangen, verschwand sie ab 1950 aus dem Landtag und in der Bedeutungslosigkeit. Alfred Loritz hatte 1946 den Posten eines Sonderministers für Politische Befreiung erhalten, aus dem er bereits 1947 wieder entlassen wurde. Im Landkreis Wasserburg hatte die WAV bei den Landtagswahlen im Jahr 1946 rund neun Prozent der Stimmen erreicht. Vgl. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 162 und Daniel Schönwald, Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV), in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wirtschaftliche_Aufbau-Vereinigung_(WAV) (17.1.2019).
  25. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 167-168.
  26. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 169.
  27. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 175-176.
  28. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 177.
  29. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 177.
  30. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 177-178.
  31. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 181-183.
  32. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 183.
  33. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 185.
  34. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 192.
  35. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 192.
  36. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 192-196.
  37. Josef Bauer, geboren 1915 in der Stadt Wasserburg, stammte aus der Familie der Molkereibesitzer Bauer. Bereits 1937 stand er, bedingt durch den frühen Tod des Vaters, der Molkerei vor. Als gläubiger Katholik zeigte sich Bauer dem Nationalsozialismus gegenüber reserviert, geriet mit dem Regime jedoch nicht in Konflikt. Den Einsatz im Zweiten Weltkrieg und die anschließende Gefangenschaft überstand er unversehrt. Nachdem Bauer die Molkerei nach Kriegsende saniert hatte, trat er 1951 in die CSU ein und saß 1953 für diese im Wasserburger Stadtrat. Durch seine rhetorische Begabung und sein taktisches Geschick machte sich Bauer in der Partei bald unentbehrlich. Er erwies sich als idealer Repräsentant des Bundeswahlkreises. Vgl. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 209-210.
  38. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 203-208.
  39. Karl Neuburger initiierte eine Anzahl von Neugründungen von CSU-Ortsverbänden im Landkreis, bei denen er besonders eng mit den jeweiligen Pfarrern zusammen arbeitete. Durch diese Parteireform wuchs auch die Zahl der Parteimitgliederzahl im Landkreis. Vgl. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 218-219.
  40. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 212-215.
  41. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 229-230.
  42. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 234-238.
  43. BHE steht für den Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten. Die politische Vereinigung vertrat die Interessen einer durch Krieg, Flucht und Vertreibung gezeichneten Gesellschaftsschicht. Da ihre inhaltlichen Schwerpunkte die Sozial- und Flüchtlingspolitik waren, verstärkte eine Koalition mit ihr die Unglaubwürdigkeit der Bayernpartei für ihre Stammwählerschaft zusätzlich. Vgl. Daniel Schönwald, Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikonbayerns.de/Lexikon/Block_der_Heimatvertriebenen_und_Entrechteten_(BHE)#Inhaltliche_Schwerpunkte_in_Bayern (21.1.2019).
  44. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 244-245.
  45. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 250-251.
  46. Volkmar Gabert wurde 1923 in der Tschechoslowakei geboren und musste 1938 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach England fliehen. 1946 kam er nach München, wo er sich durch die soziale Betreuung von Heimatvertriebenen einen Namen machte. In der SPD stieg er schnell auf. Ab 1950 gehörte er dem bayerischen Landtag an, 1958 wurde er stellvertretender Vorsitzender der Landtagsfraktion. 1963 wurde er Landesvorsitzender der SPD in Bayern. Vgl. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 261-262.
  47. Josef Kriegisch konnte sich 1950 mit großer Mehrheit als Kandidat der SPD für die Landtagswahl 1950 durchsetzten. Wie Volkmar Gabert war er 1923 in der Tschechoslowakei geboren. Beim Kriegseinsatz an der Ostfront wurde er 1943 schwer verwundet und verlor ein Bein. Nach einem Aufenthalt im Lazarett studierte Kriegisch in Wien Jura. Nachdem seine Mutter aus der Tschechoslowakei ausgewiesen worden war, übersiedelte er nach Wasserburg. Er fand eine Anstellung als Verwaltungsjurist im Landratsamt und trat in die SPD ein, für die er nicht nur die Heimatvertriebenen, sondern auch die Kriegsversehrten repräsentieren konnte. Vgl. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 262.
  48. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 258-261.
  49. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 263-267.
  50. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 271-273.
  51. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 274-275.
  52. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 277.
  53. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 277.
  54. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 278.
  55. Balcar, Politik auf dem Land (wie Anm. 1), 290-292.