Wiederbeginn des politischen und kommunalen Lebens nach 1945 in der Stadt Wasserburg

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Juliane Günther

Wiederbeginn des politischen und kommunalen Lebens nach 1945 in der Stadt Wasserburg. Eine Auswertung auf der Basis der Sitzungsprotokolle des Wasserburger Stadtrates 1945-1955

Einführung

Die Entwicklung des Landkreises Wasserburg am Inn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Historiker Jaromír Balcar in einer im Jahr 2003 erschienen Publikation untersucht.[1] Dass die Lage in der Kreisstadt nicht immer mit den innerhalb des gesamten Kreises vorherrschenden politischen Tendenzen übereinstimmte, lässt Jaromír Balcar an einigen Punkten erkennen. So wurde beispielsweise die Bayernpartei bei der Landtagswahl im Jahr 1950 in 48 der 62 Gemeinden des Landkreises Wasserburg die stärkste politische Kraft. In der Kreisstadt hingegen verwies jedoch nicht die CSU, sondern die SPD die Bayernpartei auf den zweiten Platz.[2] Auch bei den Kommunalwahlen 1952 wurde mit dem seit 1948 amtierenden Wasserburger Bürgermeister Gabriel Neumeier ein SPD-Politiker wiedergewählt.[3] Den Landkreis zählt Jaromír Balcar hingegen in der Zeit von deren Lizensierung im Jahr 1948 bis zum Wiedererstarken der CSU bei den Bundestagswahlen im Jahr 1953 zu den Hochburgen der Bayernpartei.[4]

Um herauszufinden wie das politische Leben sich nach Kriegsende in der Stadt Wasserburg entwickelte, wurden für diesen Artikel die im Stadtarchiv verwahrten Protokolle der Sitzungen des Wasserburger Stadtrates aus der Zeit von 1945 bis 1955 ausgewertet. Anhand der Protokolle werden die Themen sichtbar, mit denen sich die Stadträte auseinandersetzten und welche Entscheidungen sie trafen um bestehende Probleme zu lösen. Neben diesen Quellen kann die Thematik mit Hilfe weiterer Aktenüberlieferungen im Stadtarchiv ausgewertet werden, die Aspekte wie beispielsweise das Alltagsleben in der Stadt nach Kriegsende beleuchten und keinen Eingang in die Sitzungsprotokolle des Stadtrates gefunden haben. Gemeinsam mit weiteren Teilauswertungen kann dieser Artikel zu einem Gesamtbild der Situation nach 1945 in der Stadt Wasserburg beitragen.

1945 bis 1947 – Die unmittelbaren Nachkriegsjahre

Die ersten Stadtratssitzungen

Josef Estermann 1945.

Josef Estermann spielte eine entscheidende Rolle innerhalb der turbulenten Entwicklungen der letzten Kriegstage in der Stadt Wasserburg. Der 1898 geborene Korbmacher war Mitglied der KPD gewesen und zwischen 1933 und 1934 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Dem Kriegseinsatz konnte er sich nach seiner Entlassung aus dem KZ entziehen indem er für die Rüstung wichtige Granatkörbe herstellte.[5] In den letzten Kriegstagen wurde er zum Anführer der in der Stadt aktiven Freiheitsaktion Bayern.[6] Wenig später wurde Estermann jedoch deswegen festgenommen und von einem Schnellgericht zum Tode verurteilt. In der Chronik von Stadtarchivar Josef Kirmayer, der als Zeitzeuge über die Geschehnisse in der Stadt berichtete, findet sich für den 28.4.1945 folgender Eintrag: Estermann erklärte, er habe die Macht an sich gerissen. Wenig später vermerkte Kirmayer auch Estermanns Festnahme.[7] Josef Kirmayer war seit 1933 Mitglied der NSDAP und während des Nationalsozialismus unter anderem NS-Kulturobmann und Schrifttumswart gewesen. [8] Estermann gelang nach seiner Verhaftung die Flucht in den Leichenraum des Wasserburger Krankenhauses, in dem er sich bis zum Eintreffen der Amerikaner in der Stadt verbergen konnte.[9] Für die amerikanische Militärregierung war Estermann als erklärter Gegner des Nationalsozialismus eine ideale Besetzung für den Bürgermeisterposten in der Stadt. Bis zur Durchführung von Wahlen setzten sie ihn als Bürgermeister ein.

Bereits am 17.5.1945 trafen der neue Bürgermeister und der neugebildete Stadtrat zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Für die Protokolle verwendete man weiterhin das bereits in den Monaten zuvor und somit noch während des Nationalsozialismus geführte Aufbewahrungsbuch. Jedoch lässt folgender Eintrag das Bewusstsein für den Neubeginn nach dem Ende des Krieges erkennen:

Er [der Bürgermeister] bittete die Ratsherren um vertrauensvolle Mitarbeit und sprach die Hoffnung aus, dass in Bälde aus den Trümmern des Nationalsozialismus ein neuer Staat entstehe, frei von Tyrannei und Versklavung (…).[10]

Als Stellvertreter des Bürgermeisters wählten die Ratsmitglieder in ihrer ersten Sitzung nach Kriegsende ohne Gegenstimmen Karl Deggendorfer.[11] Unter den Stadträten befand sich auch der Bäckermeister Franz Xaver Köck, auf dessen Initiative sich in Stadt und Landkreis Wasserburg die neu ins Leben gerufene CSU etablieren sollte. Wie auch in anderen ländlichen Regionen Bayerns vollzog sich die Gründung der CSU in Wasserburg in direkter Anknüpfung an die Bayerische Volkspartei (BVP), die während der Weimarer Republik aus der bayerischen Zentrumspartei hervorgegangen war.[12] Franz Xaver Köck hatte den Vorsitz der BVP in der Region innegehabt. Am 17.12.1945 lud er zu einer Versammlung in die Gaststätte ‚Aumüller‘ ein, bei der die für die Lizensierung der CSU im Landkreis notwendigen 25 Unterschriften von Bürgern die sich während des Nationalsozialismus Nichts hatten zu Schulden kommen lassen zusammen kamen.[13] Ein planmäßiger Aufbau stabiler Organisationsstrukturen gelang der CSU im ersten Jahr nach ihrer Lizensierung durch die Militärregierung jedoch noch nicht. Die Partei organisierte nur eine öffentliche Veranstaltung pro Monat und verzichtete auf die Erhebung von Mitgliedsbeiträgen. Anfallende Kosten beglich der Gründungsvorsitzende Köck aus eigener Tasche.[14]

Die amerikanische Militärregierung entschied nicht nur über die Zulassung politischer Parteien, sie war auch bestrebt mit Entnazifizierungsmaßnahmen ein Wiedererstarken des Nationalsozialismus in ihrem Besatzungsgebiet zu verhindern. Dabei sollte nicht nur die Führungsschicht der NSDAP, sondern auch ihre aktiven Mitglieder die beispielsweise Beamtenposten innegehabt hatten aus ihrer beruflichen Stellung entfernt werden.[15] Bei der Sitzung am 1.6.1945 erfuhren die Mitglieder des Wasserburger Stadtrates von einem Schreiben des Landrates, welches über die Reinigung des Beamtenkörpers durch die Militärregierung informierte. Die als nationalsozialistisch belastet eingestuften Beamten innerhalb der Wasserburger Stadtverwaltung wurden mit sofortiger Wirkung ihres Dienstes enthoben.[16] Von der Entnazifizierung Betroffene mussten zudem auch Arbeitsdienste leisten und wurden beispielsweise für die Einrichtung der DP-Lager in Garbersee und Attel herangezogen.[17] Auch Güter aus dem Besitz ehemaliger Amtsträger und Mitglieder der NSDAP beschlagnahmte die Militärregierung zur Einrichtung ihres Sitzes im Gasthof ‚Meyer-Bräu‘.[18]

Auszug aus dem Protokoll der Stadtratssitzung vom 26.7.1945.

Ebenfalls in der Sitzung vom 1.6.1945 wurden ein Bau- sowie ein Elektrizitätswerksausschuss im Stadtrat gebildet, deren erster Vorsitzender jeweils der Bürgermeister Estermann wurde.[19] Daran lässt sich erkennen, dass neben dem Wiederaufbau der Versorgung der Stadt auch die Schaffung von Wohnraum zu einem die Stadt in den kommenden Jahren bestimmenden Thema geworden war. Bereits im Protokoll zur Sitzung vom 26.7.1945 wird das Problem der Wohnungsnot konkret angesprochen. Der Stadtrat beschloss ein Schreiben an den Landrat zu richten, indem ein Zuzugsverbot für die Stadt Wasserburg beantragt werden sollte:

Infolge der in Wasserburg/Inn gegenwärtig herrschenden katastrophalen Wohnungsverhältnisse verursacht durch die lfd. Zuzüge von Flüchtlingen u.s.w. sowie Beschlagnahme einer Anzahl Wasserburger Wohnhäuser durch die amerik. Armee wird der Antrag gestellt, bis auf Weiteres für das Stadtgebiet den Zuzug von Personen zu sperren.[20]

Der gesamte Landkreis verzeichnete nach Kriegsende einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg von rund 39.000 Einwohnern im Jahr 1939 auf 54.000 im Jahr 1946.[21] Josef Kirmayer vermerkte in seiner Chronik am 27.7.1946 6.096 Einwohner in der Stadt Wasserburg, von denen er über 760 als Flüchtlinge und 5.336 als Eingesessene bezeichnete.[22] Neben der Sorge der Wohnungsknappheit setzte bei der Bevölkerung auch die Angst vor einer ‚Überfremdung‘ der Stadt durch die zahlreichen Ortsfremden ein. Zudem hatten die Evakuierten und Flüchtlinge meist ihr sämtliches Hab und Gut verloren und waren auf Fürsorgeeinrichtungen angewiesen. Oft gingen sie bedingt durch ihre Flucht auch keiner Erwerbstätigkeit nach, was als zusätzliche Belastung empfunden wurde.[23] Das Vorgehen der Militärregierung, die privaten Wohnraum zur Unterbringung von Flüchtlingen und DPs beschlagnahmte, erschien vielen Einheimischen willkürlich und ungerecht. Die Vorbehalte der Einheimischen richteten sich dabei nicht nur gegen Personen aus dem Ausland, sondern auch gegen Deutsche oder sogar gegen nicht in der Stadt einheimische Bayern. Auch sie wurden zu ‚Preußen‘ und weiteren Konkurrenten um die nach Kriegsende knappen Ressourcen.[24] Das ein großer Teil dieser Menschen dauerhaft in der Stadt bleiben würde, war für viele Einheimische zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar. Erst allmählich entwickelte sich die Vorstellung von einem künftigen Zusammenleben.[25]

Für eine Bestätigung des vom Stadtrat erbetenen Zuzugsverbots finden sich keine Hinweise. Der Stadtrat sah sich selbst zum Handeln verpflichtet und beschloss am 24.8.1945 die Situation mit einem Wohnungsbauprogramm zu verbessern. Dieses beinhaltete jedoch noch nicht den Neubau von Wohnhäusern, sondern setzte den Schwerpunkt auf den Ausbau und die Nutzung der bereits bestehenden Gebäude. Der Vermerk: Mit den Bauarbeiten soll sofort begonnen werden. unterstreicht die Dringlichkeit dieser Maßnahme.[26]

In den nächsten Stadtratssitzungen veränderten sich die Personalien. Am 6.9.1945 wurde Franz Xaver Köck als zweiter Bürgermeister und Stellvertreter von Josef Estermann gewählt.[27] Ab dem Protokoll vom 5.10.1945 befindet sich der ehemalige zweite Bürgermeister Karl Deggendorfer nicht mehr unter den Stadträten.[28] Josef Kirmayer vermerkte am 9.10.1945 die Ernennung von Kaspar Wiedemann zum ersten Bürgermeister der Stadt, während Josef Estermann den Posten als Landrat erhielt.[29] Im Sitzungsprotokoll vom 26.10.1945 wird nun ebenfalls Kaspar Wiedemann als erster Bürgermeister aufgeführt.[30] Auch der neue Bürgermeister sah sich mit den Folgen des Krieges und der Wohnungsnot in der Stadt konfrontiert, die besonders wegen des bevorstehenden Winters zum Problem wurde. Um Bedürftigen zu helfen beschloss der Stadtrat am 4.11.1945 die Einrichtung einer Wärmestube, die bei eintretender Kälte von 9:00 bis 22:00 Uhr geöffnet sein sollte.[31] Da eine Wärmestube nicht ausreichte wurde im Verlauf des Winters eine zweite im Gasthof ‚Alte Post‘ eingerichtet.

Veränderungen und Wahlen 1946

Am 7.2.1946 wird Alfons Püls im Sitzungsprotokoll als erster Bürgermeister der Stadt aufgeführt. Mit ihm besetzte ein Mitglied der CSU das Bürgermeisteramt in der Stadt.[32] Franz Xaver Köck blieb weiterhin der Stellvertreter des Bürgermeisters und der ehemalige erste Bürgermeister Kaspar Wiedemann gehörte nun zu den Stadträten.[33] Für die Besetzung des Landratspostens fanden im gleichen Jahr Wahlen statt. Josef Krimayer verzeichnete deren Durchführung am 31.5.1946 und notierte dazu:

Durch den neuen Kreistag wird Dr. Lenz aus Laufen zum Landrat von Wasserburg gewählt. Die Bestätigung durch die Militärregierung erfolgt aber nicht, so wird Josef Estermann in einigen Tagen durch die Militärregierung Oberbayern als kommissarischer Landrat beordert und zwar bis zur schriftlichen Bestätigung eines neu gewählten Landrates.[34]

Im Juni wurde ebenfalls ein gewählter Landratskandidat, der Regierungs-Assossor Hans Niedermeier aus München[35] nicht von der Militärregierung legitimiert. Erst am 30.9.1946 vermerkte Josef Kirmayer: Korbwarenfabrikant Josef Estermann endlich als Landrat (zuletzt kommissarisch) abgetreten.[36] Nicht jeder im Landkreis konnte sich mit Estermann als Landrat anfreunden, der zudem eine Schlüsselrolle innerhalb der Parteiarbeit der SPD in der Region nach Kriegsende innehatte. Da er vor Kriegsbeginn Mitglied der KPD gewesen war und nun am Wiederaufbau der SPD mitarbeitete, versuchten ihn zudem ehemalige Bekannte aus der Zeit bei der KPD als Gestapo-Spitzel zu denunzieren. Auch wenn der gegen ihn angestrebte Prozess bald im Sande verlief, war seine politische Karriere mit der Bestätigung seines Nachfolgers Hans Niedermeier durch die Militärregierung schließlich beendet.[37]

Dass die Wohnungssituation auch 1946 weiterhin den Stadtrat beschäftigte, zeigt sich im Protokoll vom 6.6.1946, in dem es um die bereits im Jahr 1945 in zwei Gastwirtschaften eingerichteten Übernachtungsstellen geht. Der Stadtrat beschloss diese Stellen weiterhin beizubehalten und hielt fest, dass eine Nutzung ausschließlich für Personen mit einem von der Stadtpolizei ausgestellten Übernachtungsschein vorgesehen sei. Eine selbstständige Vergabe der Zimmer durch die Gastwirte war nicht erwünscht. Für den Übernachtungsschein sollten zudem 40 Pfennige an die Stadtpolizei gezahlt werden, die später mit der Stadtkämmerei abzurechnen hatte. Konnte eine Person eine besondere Bedürftigkeit nachweisen, konnte sie auch umsonst eine Übernachtungsstelle nutzen.[38] Von einer Rückkehr zur Normalität nach Kriegsende war die Stadt 1946 noch weit entfernt. Wahrscheinlich lehnte der Stadtrat bei seiner Sitzung am 25.7.1946 aus diesem Grund auch das Gesuch um die Eröffnung eines zweiten Kinos ab. Als Begründung für diese Entscheidung hielten die Ratsmitglieder fest, dass ein Bedürfnis hierfür nicht vorliegt.[39]

Vorrangig schien dem Stadtrat hingegen die Versorgung Bedürftiger. Am 21.11.1946 wurde zu diesem Zweck ein Fürsorgeausschuss ins Leben gerufen, dessen erster Vorsitzender Bürgermeister Püls wurde. In der Zusammensetzung der Ausschussmitglieder sahen die Stadträte auch einen Vertreter aus den Reihen der Flüchtlinge vor.[40] Im November 1946 bereiteten sich die Stadträte und Parteien auf den Volksentscheid über die bayerische Verfassung und die Wahl des bayerischen Landtages am 1.12.1946 vor.[41] In den letzten Tagen vor der Abstimmung notierte Josef Kirmayer täglich eine Wahlversammlung im Rathaussaal. Am 28.11. nutzte die KPD den Saal, am 29.11. die CSU und am 30.11. schließlich die SPD. Am 1.12. hielt der Chronist für die Stadt Wasserburg 1.610 Stimmen für und 761 Stimmen gegen die Annahme der Verfassung fest. Als Ergebnis der Landtagswahl notierte Kirmayer:[42]

Partei Stimmenzahl
CSU 1097
SPD 777
KPD 187
Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV) 260
FDP 104

Auch wenn sich die SPD als einzige Partei in der Region konkret um die Flüchtlinge und Vertriebenen bemüht hatte, konnte sie davon noch nicht profitieren. Zur Wahl zugelassen waren nach Anordnung der Amerikaner nur deutsche, über 21 Jahre alte Staatsbürger die mindestens ein Jahr in ihrer Gemeinde ansässig waren. Durch ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus belastete Personen waren von den Wahlen ebenfalls ausgeschlossen.[43]

Die Situation im Hungerjahr 1947

Nicht nur die Wohnungsnot wurde in Wasserburg angesichts der sprunghaft angestiegenen Bevölkerung zum Problem. Besonders im sogenannten Hungerjahr 1947 begann sich auch die Ernährungslage in der Stadt zuzuspitzen und in dem harten Winter 1946/1947 mangelte es vielen Menschen zudem an Heizmaterial. Auf den sehr kalten Winter folgte ein heißer Sommer, der Einbußen bei der so dringend benötigten Ernte mit sich brachte.[44] Auch wenn sich die Versorgungssituation in der Region bedingt durch den hohen Anteil der Selbstversorger – 23.000 Menschen im Landkreis waren als solche eingestuft, was 43% der dort lebenden Bevölkerung ausmachte[45] – besser gestaltete als beispielsweise in München, machten Ausfälle in der Kartoffelernte die Lage 1947 prekär. Besonders Kartoffeln stellten in den Nachkriegsjahren eine wichtige Kalorien- und Kohlenhydratquelle dar.[46] Kein anderes Thema schien die öffentliche Meinung in der Stadt in den ersten Nachkriegsjahren so sehr zu prägen wie die Sorge um die Ernährung. Da die Verhältnisse im Raum Wasserburg diesbezüglich besser als in anderen Regionen waren, reagierte die Militärregierung darauf mit Unverständnis. Politischen Themen gegenüber zeigten sich die Menschen dagegen oft gleichgültig.[47] Dass es doch politische Aktivitäten in der Stadt gegeben hat zeigt der Beschluss des Stadtrates, das Gesuch der KPD Ortsgruppe Wasserburg einen Aushangkasten anbringen zu dürfen zu genehmigen. Allerdings fügte man im Protokoll hinzu, dass der Kasten in gefälliger Form zu gestalten sei und die Ausmaße von 50 x 60 cm nicht überschritten werden sollten.[48]

Die Vergabe der begehrten Nahrungsmittel erfolgte nach einem Rationierungssystem, in dem die Menschen je nach Zugehörigkeit zu einer Versorgungsgruppe Kalorienrationen gegen Lebensmittelkarten erhielten. Oft fiel die tatsächliche Zuteilung geringer aus als der Rationsanspruch.[49] Neben diesem Rationierungssystem entwickelte sich ein illegales Kompensationssystem, welches Hamstern, Schwarzhandel und die Fälschung von Lebensmittelkarten beinhaltete.[50] Bedingt durch die Einteilung in Versorgungsgruppen kam es zu Neid gegenüber Bessergestellten. Beispielsweise erhielten im Nationalsozialismus Verfolgte und ehemalige Häftlinge aus den Konzentrationslagern Lebensmittelzulagen. Dies traf auch auf die in Gabersee und Attel untergebrachten jüdischen DPs zu, denen die Militärregierung die Kalorienration für die Versorgungsgruppe der Schwerstarbeiter als Entschädigung für das erlittene Unrecht zugestand.[51] Ihnen unterstellten die Einheimischen in der Folge, dass sie über genügend Lebensmittel verfügen würden um den Schwarzmarkt damit beliefern zu können.[52] Die prekäre Versorgungslage bildete auch den Anlass für einen Anstieg der Hungerkriminalität. Neben regen Schwarzmarktaktivitäten kam es vermehrt zu Einbrüchen und Diebstählen sowie auch zu Überfällen auf Lebensmittelkartenstellen.[53] Auch wenn die DPs bei Schwarzmarktdelikten unter Generalverdacht standen, beteiligten sich neben ihnen im Hungerjahr 1947 im Raum Wasserburg sämtliche Bevölkerungsgruppen am Schwarzmarkt.[54] Umso wichtiger wurden Fürsorgeeinrichtungen wie die Arbeiterwohlfahrt, die sich besonders um Kriegsgefangene und Heimkehrer aber auch um Mütter, Waisen-, Flüchtlings- und Arbeiterkinder kümmerte und auch eine Verteilung von Kohlen an bedürftige Rentner organisierte.[55]

Josef Kirmayer vermerkte am 24.8.1947: Letzten Sonntag wurde hier die Bayernpartei gegründet.[56] Die in München von Ludwig Max Lallinger ins Leben gerufene und 1948 durch die Militärregierung lizensierte Partei machte beispielsweise mit der Forderung nach einem unabhängigen Bayern auf sich aufmerksam. Thesen wie Preußen habe Bayern mit in den Krieg und somit ins Verderben gerissen und eine starke Polemik gegen die in Bayern lebenden Flüchtlinge[57] verbanden sich dabei mit der auch in Wasserburg herrschenden Angst vor einer Überfremdung und dem Neid auf die höheren Versorgungsrationen, die machen Ortsfremden gewährt wurden. Ganz in diesem Zeitgeist scheint auch die Entscheidung des Stadtrates verhaftet, den jüdischen DPs bei Bedarf keinen Anspruch auf ein Zimmer im städtischen Krankenhaus zu garantieren. Eine Behandlung von Bewohnern der DP-Lager sei nur möglich wenn entsprechend Betten frei sind.[58] Die Administration der DP-Lager oblag nicht der Stadt Wasserburg, sondern war der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administraton) und damit den Amerikanern unterstellt. Die DP-Lager funktionierten unabhängig vom städtischen Leben und verfügten beispielsweise über eigene kulturelle Veranstaltungen, Schulen, eine Lagerpolizei und eine eigene Presselandschaft.[59] Vielleicht wollte der Stadtrat aus diesem Grund auf der Trennung auch im Hinblick auf die Versorgung im Krankenhaus beharren.

Die Stadträte beschäftigte im Sommer 1947 auch die Bekämpfung einer bei der Müllabfuhrstelle herrschenden Rattenplage. Um dieser Herr zu werden beschloss man jedoch nicht einen Schädlingsbekämpfer zu beauftragen, sondern die Bekämpfung mit zuvor angeschafftem Gift einer ortsansässigen Person zu übertragen.[60] Im August 1947 legte der Stadtrat eine einheitliche Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag in den städtischen Betrieben fest, die ohne Lohnkürzungen eingeführt werden sollte.[61] Bedingt durch die prekäre Ernährungslage und die Zeit die die Menschen täglich mit dem Anstehen bei der Lebensmittelausgabe verbrachten, lag die Arbeitsleistung in den ersten drei Nachkriegsjahren auf einem besonders niedrigen Niveau.[62] Um die Ernährungslage etwas zu verbessern beschlossen die Stadträte im Herbst des Jahres auf die Bitte des Flüchtlingsobmannes einzugehen und den Flüchtlingen Gartenland für den Anbau von Obst und Gemüse zur Verfügung zu stellen. [63]

1948 bis 1950 – Beginn der Amtszeit von Gabriel Neumeier

Aus Flüchtlingen werden Neubürger

Erinnerung an die Rede von Gabriel Neumeier auf dem Heimatfest 1949.

1948 löste mit Gabriel Neumeier ein SPD-Politiker Alfons Püls von der CSU als ersten Bürgermeister der Stadt ab. Am 31.5.1948 ist im Stadtratsprotokoll eine Rede des Neugewählten erwähnt, in der er dem Bürgermeister der vorherigen Wahlperiode für die zum Wohle der Stadt und ihrer Bevölkerung geleisteten uneigennützigen Arbeiten dankte. In der gleichen Sitzung wurde mit Dr. Gabriel Huber ebenfalls der Kandidat der SPD für das Amt des zweiten Bürgermeisters bestimmt, während Karl Deggendorfer von der CSU nur eine der 17 Stadtratsstimmen erhielt. Alfons Püls und sein Stellvertreter Franz Xaver Köck werden im Protokoll unter den Stadträten aufgeführt. Köck wurde auf der Sitzung zudem zum Krankenhausverwalter gewählt. Den Antrag des neuen Bürgermeisters auf die Bildung eines Flüchtlingsausschusses nahmen die Stadträte am 31.5.1948 an. Der Ausschuss sollte fortan bei der Behandlung von Flüchtlingsfragen im Stadtrat beratend mitwirken.[64] Zu diesem Beschluss ist weiterhin im Protokoll vermerkt:

Die Bayern-Partei gibt ihre Zustimmung mit dem Vorbehalt, daß es sich um wirkliche Flüchtlinge nicht aber um Personen handelt, die nach Hause könnten, aber nicht wollen.[65]

Auch wenn in der Kreisstadt die SPD den ersten und den zweiten Bürgermeister stellte, wurde die Bayernpartei im Landkreis Wasserburg bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 1948 stärkste Kraft. Ihr Kandidat Heinrich Stuhlberger wurde Landrat, was besonders für die Wasserburger CSU eine herbe Enttäuschung darstellte. Stuhlberger hatte einst zu den 25 Gründungsmitgliedern der CSU im Landkreis gehört und hatte die Partei wie viele andere zu Gunsten der Bayernpartei verlassen.[66] Josef Kirmayer hielt zur Wahl Stuhlbergers am 7.6.1948 fest, dass dieser Diplomlandwirt und zuvor der Bürgermeister der Gemeinde Amerang gewesen war.[67]

Landrat Heinrich Stulberger 1949 beim Wasserburger Heimatfest.

Die von der Bayernpartei im Wahlkampf genutzte Angst der Bevölkerung vor einer Überfremdung durch Flüchtlinge und Evakuierte spielte auch bei den 1948 abgehaltenen Gemeinderatswahlen eine Rolle. Aus Angst davor, dass Bürgermeisterposten von Ortsfremden besetzt werden könnten, wurde vor den Wahlen besonders an die Einheimischen appelliert. Sie sollten sich als Bürgermeisterkandidaten aufstellen lassen.[68] Einen Schritt zu einem besseren Zusammenleben machte hingegen der Wasserburger Stadtrat, indem er in seiner Sitzung am 22.7.1948 beschloss dem Flüchtlingsvertrauensmann eine monatliche, freiwillig gezahlte Aufwandsentschädigung von 40 Mark zukommen zu lassen.[69] Ab dem Jahr 1948 findet sich in den Berichten des Landratsamtes an die Bezirksregierung auch erstmals die Bezeichnung Neubürger. Langsam schien die Erkenntnis zu reifen, dass die 16.663 nach Kriegsende hinzugekommenen Menschen im Landkreis Wasserburg bleiben würden.[70] Ebenfalls im Jahr 1948 nahmen die Wasserburger Stadträte den Antrag des zweiten Bürgermeisters auf die Bildung eines Kulturausschusses an.[71]

Josef Kriegisch (Erster von links) beim Wasserburger Heimatfest 1949.

Die Parteien nutzten den Rathaussaal regelmäßig für Wahlveranstaltungen und Kundgebungen. Die Nutzung bedurfte jedes Mal der Zustimmung der Stadträte. Hatten diese im September 1948 noch einer Veranstaltung der Bayernpartei im Rathaussaal zugestimmt,[72] lehnte sie eine solche im Januar 1949 ab.[73] Im Februar beschlossen die Ratsmitglieder die Durchführung eines großen Heimatfestes, welches zu einem wesentlichen Zeichen für die Anerkennung und Integration der Neubürger in der Stadt werden sollte.[74] Das Fest, welches im September 1949 mit einem Festumzug und vielen anderen Programmpunkten gefeiert wurde, besuchten auch Landrat Heinrich Stuhlberger und dessen Stellvertreter der SPD-Politiker Dr. Josef Kriegisch. Beide hielten neben Bürgermeister Neumeier Festreden und nahmen am Festumzug teil. In einem Fotoalbum zur Dokumentation des Festes ist neben einem Foto von Heinrich Stuhlberger notiert: Herr Landrat Stuhlberger gewinnt mit seiner Begrüßungsansprache die Herzen der Heimatvertrieben.[75] Anscheinend hatte auch der der Bayernpartei angehörenden Landrat erkannt, dass die Region den Menschen nun dauerhaft ein Zuhause werden sollte. Sein Stellvertreter Josef Kriegisch konnte innerhalb der SPD bedingt durch seinen Kriegseinsatz an der Ostfront und die Ausweisung seiner Mutter aus der Tschechoslowakei sowohl die Gruppe der Kriegsversehrten als auch die der Heimatvertriebenen repräsentierten.[76] Josef Kirmayer vermerkte für das Trachtenfest mit Umzug am 11.9.1949 25.000 bis 30.000 Besucher und bezeichnete die Veranstaltung als ein großartiges Fest. [77]

1950 bis 1955 – Der Wohnungsbau als Kernaufgabe

In den Jahren 1948 bis 1950 verbesserte sich die Ernährungslage in der Region Wasserburg und ganz Bayern bedingt durch den Marshall-Plan – ein großes Konjunkturprogramm der Amerikaner – die Währungsreform und günstige Witterungsverhältnisse, die zu besseren Ernteerträgen führten. Im Frühsommer 1949 konnte bereits ein Großteil der Lebensmittel frei und ohne Lebensmittelkarten verkauft werden. Am 30.4.1950 endete das Rationierungssystem in der Bundesrepublik.[78] Ebenfalls 1950 wurden die DP-Lager in Gabersee und Attel aufgelöst, in denen zusammengenommen durchschnittlich bis zu 2.500 jüdische DPs untergebracht gewesen waren. Der Großteil von ihnen stammte nicht aus Deutschland und wollte dieses aufgrund traumatischer Erinnerungen baldmöglichst verlassen. Nur etwa zehn Prozent der in Nachkriegsdeutschland lebenden DPs blieben mehr oder weniger gezwungenermaßen in Deutschland.[79] Das als DP-Lager genutzte, 1873 von den Barmherzigen Brüdern zur Errichtung einer Anstalt zur Pflege behinderter Menschen erworbene Gelände in Attel wurde 1950 an die Barmherzigen Bürder zurückgegeben. Im Jahr 1951 begannen diese dort wieder mit der Betreuung Behinderter. Im Jahr 1953 eröffnete in Gabersee auf dem Gelände des ehemaligen DP-Lagers ein psychiatrisches Krankenhaus. Bereits 1883 war es anfänglich zu diesem Zweck genutzt worden.[80]

Was der Stadt blieb war der durch Flucht und Vertreibung bedingte Bevölkerungszuwachs und die Stadträte mussten im Frühjahr 1950 erkennen, dass die Nutzung der bestehenden Gebäude nicht ausreichte um die herrschende Wohnungsnot einzudämmen. Im Protokoll vom 17.5.1950 hielten die Stadträte fest, dass ein Baudarlehen in Höhe von 102.000 Mark für den sozialen Siedlungs- und Wohnungsbau von der Regierung von Oberbayern für die Stadt genehmigt wurde. Genutzt werden sollte dieses Darlehen für den Neubau von 26 Wohnungen mit einem Kostenaufwand von 237.167 Mark.[81] Bereits am 3.6.1950 notierte Chronist Josef Krimayer: Im Burgerfeld gehen die Bauarbeiten in der St. Georgsiedlung und an den drei städtischen Wohnblöcken hurtig voran.[82] Neben der Schaffung von Wohnraum beschäftigte auch die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser die Stadträte im Jahr 1950. Am 28.6. beschlossen sie wegen einer eventuellen Chlorierung der Wasserleitung mit dem Landesamt für Wasserversorgung in Kontakt zu treten. Vorausgegangen war dieser Entscheidung die Forderung des Landratsamtes und des Staatlichen Gesundheitsamtes, die Stadtbewohner mit einwandfreiem Wasser zu versorgen. [83] Noch im darauffolgenden Jahr schien das Problem der Wasserversorgung nicht gelöst, da der Stadtrat aus diesem Anlass zu einer Sondersitzung zusammentraf. Gemeinsam mit anwesenden Vertretern des Landesamtes für Wasserversorgung wurde eine Erweiterung der Wasserversorgungsanlage im Wert von 150.000 Mark beschlossen. Bereits im März 1951 sollte mit den entsprechenden Arbeiten begonnen werden. [84]

Ende des Jahres 1950 stand Wasserburg im Zeichen der Landtagswahl. Diese wurde besonders für die CSU zur Niederlage, die viele Wähler an die Bayernpartei verloren hatte. Die CSU erhielt im Landkreis Wasserburg nur noch 25,6 Prozent der Stimmen. Der große Erfolg der Bayernpartei in der Region kann mit deren bäuerlicher Prägung sowie der großen Mehrheit der katholischen Bevölkerung begründet werden. In 48 der 62 zum Kreis gehörenden Gemeinden wurde die Bayernpartei 1950 stärkste politische Kraft und Heinrich Stuhlberger blieb weiterhin Landrat. In der Kreisstadt selbst wurde sie jedoch von der SPD auf den zweiten Platz verwiesen.[85] Anders als in anderen bayerischen Regionen hatte sich die Wasserburger SPD dauerhaft als Vertreterin der Interessen von Flüchtlingen und Vertriebenen etablieren können. Beispielsweise setzten sich die Sozialdemokraten für bessere Fürsorgeleistungen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze ein, die einen Neubeginn in der Region begünstigen sollten.[86] Da in der Kreisstadt besonders viele Neubürger lebten, kann dies zu diesem sehr auf die Stadt konzentrierten Erfolg der SPD beigetragen haben. Auch hatten es die Sozialdemokraten besonders auf dem Land schwer. Hier begegnete man der als ‚kirchenfeindlich‘ verrufenen Partei mit einer anhaltenden Skepsis,[87] während sie die meisten Wähler unter den in der Kreisstadt lebenden Arbeitern und Angestellten fand.

Bei den Kommunalwahlen im Jahr 1952 wurde der in der Kreisstadt amtierende Bürgermeister Gabriel Neumeier von der SPD im Amt bestätigt. Nach den Aufzeichnungen von Josef Kirmayer erhielt Neumeier 2.600 Stimmen und sein Gegenkandidat Karl Deggendorfer von der CSU nur 900. Kirmayer notierte dazu: Arge Niederlage!. Für die Zusammensetzung des Wasserburger Stadtrates hielt der Chronist fest:[88]

Partei Anzahl der Sitze im Stadtrat
CSU 6
SPD 6
Bayernpartei 2
Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) 1
Wahlblock 1

Neben der Bayernpartei bekam die CSU im Landkreis in diesem Wahlkampf auch Konkurrenz von freien Wählergruppen, die sich unter teils phantasievollen Namen zusammenschlossen.[89]

Auch 1951 beschäftigten sich die Stadträte mit dem Wohnungsbau und bei ihrer Sitzung am 11.1. beschlossen sie den Bau von zwei Wohnblocks zu je acht Wohnungen im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus noch im selben Jahr zu beginnen. Finanziert wurde das Bauprojekt durch staatliche Darlehen, ein Eigenkapital von 60.000 Mark sowie durch die Post.[90] Die Post beteiligte sich auch an einem weiteren 1954 durchgeführten Bauprojekt, in dem ein weiterer Wohnblock zu acht Wohnungen im Gesamtwert von 124.000 Mark entstehen sollte. Im Protokoll ihrer Sitzung hielten die Stadträte am 25.5.1954 fest, dass einige der Wohnungen nur an die von der Deutschen Bundespost bezeichneten Personen vergeben[91] werden durften.

Um die Wohnungsnot in der Stadt weiterhin bekämpfen zu können, entschieden sich die Stadträte im Jahr 1954 dafür beim Landratsamt einen Antrag um die Zuweisung der Wohnraumbewirtschaftung direkt an die Stadt zu stellen. Damit entschied man sich für eine Beibehaltung des Wohnungsamtes in der Stadt Wasserburg, obwohl diese zu diesem Zeitpunkt eine Stadt mit unter 10.000 Einwohnern war und somit ihre Wohnungsangelegenheiten Sache des Landkreises gewesen wäre. Diese Entscheidung entstand aus dem Wunsch weiter direkt für die Wohnraum suchenden Bürger in der Stadt da sein zu können. Der Stadtrat bestimmte einen verantwortlichen Leiter des Wohnungsamtes und beschloss die Bildung eines Wohnungsausschusses. Ebenso wurde festgelegt, dass die Entscheidung über die Vergabe neuer städtischer Wohnungen bei den Ratsmitgliedern lag. Nicht neugeschaffene, städtische Wohnungen sollte der Wohnungsausschuss auch ohne vorheriges Einverständnis aller Stadträte vergeben dürfen.[92] Aber noch im folgenden Jahr wurde im Sitzungsprotokoll vom 22.6.1955 notiert:

Der Stadtrat hat in einer ausgedehnten Debatte die katastrophale Wohnungsnot besprochen und besonders auf die Fälle hingewiesen, die in unzumutbaren Notunterkünften wohnen. Aus sittlichen Gründen können diese Notstände nicht mehr länger geduldet werden. Es ist zu versuchen durch Beschaffung von billigen Darlehen, Staatszuschüssen und Eigenmitteln diese Notfälle zu beseitigen oder mindestens zu lindern.[93]


Empfohlene Zitierweise:
Juliane Günther, Wiederbeginn des politischen und kommunalen Lebens nach 1945 in der Stadt Wasserburg, publiziert am 14.05.2019; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Wiederbeginn_des_politischen_und_kommunalen_Lebens_nach_1945_in_der_Stadt_Wasserburg (21.05.2019)


  1. Balcar, Politik auf dem Land.
  2. Balcar, Politik auf dem Land, 193.
  3. Balcar, Politik auf dem Land, 205.
  4. Balcar, Politik auf dem Land, 206.
  5. Balcar, Politik auf dem Land, 150-151.
  6. Diem, Freiheitsaktion Bayern. Die Freiheitsaktion Bayern (FAB) war ein Widerstandskreis der sich aus einer sehr heterogenen Gruppe von Gegnern des Nationalsozialismus zusammensetzte. Zwischen dem 27. und dem 28.4.1945 gelang der FAB die Übertragung eines Rundfunkaufrufes an die Bevölkerung. Auf diesen reagierten etwa 990 Personen mit unterschiedlichen Aktionen im gesamten südbayerischen Raum. Beispielsweise hissten die Akteure weiße Flaggen, setzten NS-Funktionäre fest oder räumten Panzersperren weg. 20 dieser Situationen eskalierten in der Konfrontation mit den Nationalsozialisten und forderten 57 Todesopfer.
  7. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 28.4.1945.
  8. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 19.
  9. Balcar, Politik auf dem Land, 150-151.
  10. Protokoll vom 17.5.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  11. Protokoll vom 17.5.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  12. Balcar, Politik auf dem Land, 137.
  13. Balcar, Politik auf dem Land, 138.
  14. Balcar, Politik auf dem Land, 139-140.
  15. Hoser, Entnazifizierung.
  16. Protokoll vom 1.6.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  17. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 15.
  18. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 13.
  19. Protokoll vom 1.6.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  20. Protokoll vom 26.7.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  21. Balcar, Politik auf dem Land, 134.
  22. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 27.7.1946.
  23. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 58.
  24. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 58.
  25. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 42.
  26. Protokoll vom 24.8.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  27. Protokoll vom 6.9.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  28. Protokoll vom 5.10.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  29. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 9.10.1945.
  30. Protokoll vom 26.10.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  31. Protokoll vom 4.11.1945, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  32. Balcar, Politik auf dem Land, 150-151.
  33. Protokoll vom 7.2.1946, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  34. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 31.5.1946.
  35. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 28.6.1946.
  36. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 30.9.1946.
  37. Balcar, Politik auf dem Land, 152.
  38. Protokoll vom 6.6.1946, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  39. Protokoll vom 25.7.1946, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  40. Protokoll vom 21.11.1946, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  41. Protokoll vom 7.11.1946, StadtA Wasserburg a. Inn, II3109.
  42. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 1.12.1946.
  43. Balcar, Politik auf dem Land, 164-165.
  44. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 21-24.
  45. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 39.
  46. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 43.
  47. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 49.
  48. Protokoll vom 11.9.1947, StadtA Wasserburg a. Inn, II3110.
  49. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 20.
  50. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 13.
  51. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 53.
  52. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 54.
  53. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 45.
  54. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 36.
  55. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 96.
  56. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 24.8.1947.
  57. Balcar, Politik auf dem Land, 181.
  58. Protokoll vom 25.9.1947, StadtA Wasserburg a. Inn, II3110.
  59. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 1.
  60. Protokoll vom 10.7.1947, StadtA Wasserburg a. Inn, II3110.
  61. Protokoll vom 7.8.1947, StadtA Wasserburg a. Inn, II3110.
  62. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 16.
  63. Protokoll vom 16.10.1947, StadtA Wasserburg a. Inn, II3110.
  64. Protokoll vom 31.5.1948, StadtA Wasserburg a. Inn, II3127.
  65. Protokoll vom 31.5.1948, StadtA Wasserburg a. Inn, II3127.
  66. Balcar, Politik auf dem Land, 177.
  67. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 7.6.1948.
  68. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 43.
  69. Protokoll vom 22.7.1948, StadtA Wasserburg a. Inn, II3127.
  70. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 44.
  71. Protokoll vom 22.7.1948, StadtA Wasserburg a. Inn, II3127.
  72. Protokoll vom 22.9.1948, StadtA Wasserburg a. Inn, II3127.
  73. Protokoll vom 26.1.1949, StadtA Wasserburg a. Inn, III1330.
  74. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 9.2.1949.
  75. StadtA Wasserburg a. Inn, IVa18.
  76. Balcar, Politik auf dem Land, 262.
  77. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 11.9.1949.
  78. Schwanse, Ernährungslage in Bayern, 36-37.
  79. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 24. Ein Grund dafür können Krankheiten wie Tuberkulose gewesen sein, weswegen Einreisen in andere Länder verwehrt werden konnten.
  80. Haupt, Quellenstudie Displaced Persons Camps, 4-5.
  81. Protokoll vom 17.5.1950, StadtA Wasserburg a. Inn, III1331.
  82. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 17.5.1950.
  83. Protokoll vom 28.6.1950, StadtA Wasserburg a. Inn, III1331.
  84. Protokoll vom 11.1.1951, StadtA Wasserburg a. Inn, III1280.
  85. Balcar, Politik auf dem Land, 192-193.
  86. Balcar, Politik auf dem Land, 260.
  87. Balcar, Politik auf dem Land, 263.
  88. Kirmayer, Chronik, Eintrag vom 30.3.1952.
  89. Balcar, Politik auf dem Land, 195-196.
  90. Protokoll vom 11.1.1951, StadtA Wasserburg a. Inn, III1280.
  91. Protokoll vom 25.5.1954, StadtA Wasserburg a. Inn, III1283.
  92. Protokoll vom 16.6.1954, StadtA Wasserburg a. Inn, III1283.
  93. Protokoll vom 22.6.1955, StadtA Wasserburg a. Inn, III1284.