Willi Ernst

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Juliane Günther

Biografie Willi Ernst [1]

Lebensdaten

Willi (Willibald) Ernst * 7.3.1909 Wasserburg am Inn, † 20.4.1982 Wasserburg am Inn

Lebenslauf

Studium, Zweiter Weltkrieg, Arbeit in Oberammergau

Willi Ernst 1943 in Skugry.

Willi Ernst wurde im Jahr 1909 als dritter Sohn des leitenden Postbeamten Edmund Ernst in Wasserburg geboren. Bereits als Jugendlicher fertigte er Zeichnungen an und orientierte sich dabei unter anderem an dem kunstinteressierten Amtsrichter Karl Hofmann.[2] Nach dem Abitur absolvierte Willi Ernst eine Lehre im Betrieb des Wasserburger Steinmetzes Anton Woger Senior. Nach seiner Lehrzeit begann Willi Ernst an der Akademie der Künste in München in der Klasse des Bildhauers Karl Killer zu studieren. Um sich von der 1933 beginnenden Gleichschaltung der Universitäten durch die Nationalsozialisten und der in diesem Zuge diktierten ‚völkischen Kunst‘ zu distanzieren, wählte Ernst den Studienschwerpunkt ‚Christliche Kunst‘.[3] Von den während des Studiums entstandenen Arbeiten existieren hauptsächlich nur noch Fotos. In einer von dem Bildhauer angefertigten Dokumentation seiner Werke tragen viele der vor 1940 entstandenen Arbeiten den Vermerk ‚verschollen‘.[4]

Im Jahr 1940 wurde der 31-jährige Willi Ernst zum Kriegsdienst einberufen. Da er später den Titel ‚akademischer Bilderhauer‘ führte, kann davon ausgegangen werden, dass er das Studium an der Akademie der Künste zuvor beendet hatte. Im gleichen Jahr erlebte Ernst die Schlacht um die norwegische Stadt Narvik mit und dokumentierte diese fotografisch. In seiner Funktion als Wehrbetreuer soll er keine Waffe getragen haben und lediglich für die Unterstützung der deutschen Soldaten zuständig gewesen sein.[5] Die für die Deutschen in einer Niederlage endende Schlacht um Narvik wird als schwerste operative Krise im Feldzug um Norwegen angesehen.

Ernst zog im Anschluss mit Soldaten der Wehrmacht über das im Jahr 1941 von den Deutschen vollständig besetzte Lettland in den Nordwesten Russlands. Gemeinsam mit einem ebenfalls als Wehrbetreuer eingesetzten Kommilitonen von der Akademie der Künste baute er in dem nah der Stadt Dno gelegenen Dorf Skugry eine Erholungsstätte für deutsche Soldaten auf. Hier sollen die Soldaten das Schnitzen und Musizieren gelernt und zum Zeitvertreib auch Theater gespielt haben. 1944 arbeitete der Bildhauer an einem Brunnen für das Dorf Skugry. Als die russische Armee im gleichen Jahr das Dorf erreichte, sollen Brunnen und Erholungslager zerstört worden sein. Ohne in Gefangenschaft zu geraten, kam Willi Ernst im Jahr 1945 nach Deutschland zurück.[6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich Ernst bei der renommierten Schnitzfirma ‚Land selig Erben‘ in Oberammergau als Holzbildhauer anstellen. Nach Angaben von seinen Angehörigen soll er in dieser Zeit auch Holzprothesen für Kriegsversehrte und Andenken für die US-Soldaten angefertigt haben. Bereits während seiner Zeit in Oberammergau nahm Willi Ernst zahlreiche Aufträge aus seiner Heimatstadt Wasserburg an und arbeitete unter anderem 1945 und 1946 als Restaurator an der Zürn-Kanzel in der Pfarrkirche St. Jakob.

Werke und Stil als Bildhauer

Skulptur St. Christophorus, Grafing.

Im Jahr 1951 zog Willi Ernst von Oberammergau nach Wasserburg. Seiner Arbeit als Bildhauer ging er in einem Atelier in der Färbergasse nach. 1950 und 1951 entstanden unter anderem Skulpturen für den Brunnen am Bahnhofsplatz und für die Kapelle des Wasserburger Krankenhauses. Als freier Bildhauer stellte Ernst jedoch auch Kruzifixe für Privatpersonen her, restaurierte Holzskulpturen und fertigte künstlerisch gestaltete Grabsteine an. Dank freundschaftlicher Beziehungen zum dortigen Bürgermeister erhielt der Bildhauer auch immer wieder Aufträge aus der Stadt Kaufbeuren. Weitere Werke befinden sich unter anderem in Reitmehring, Grafing und Mühldorf.

Im Jahr 1955 war Ernst über einen Monat gemeinsam mit weiteren Fachleuten an der Restaurierung der Fassade des Wasserburger Kernhauses beteiligt. 1968 arbeitete der Bildhauer ein weiteres Mal an der Fassade. In den 1960er Jahren begann Ernst den von ihm meist aus Nagelfluh, Jura-Traventin oder Kalkstein geschaffenen Figuren einen ruhigen Gesichtsausdruck zu verleihen, aus dem sich für den Betrachter kaum Emotionen ablesen lassen. Bedingt durch ihren zurückgenommenen Eindruck, die auf das Wesentliche reduzierte Formensprache und die meist steinsichtige Oberfläche, können Ernsts Werke im Stadtbild leicht übersehen werden. Nach Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld verzichtete der Bildhauer hauptsächlich auf abstrakte Formen, um eine präzise ausgeführte, für alle Menschen unmittelbar verständliche Kunst zu schaffen.[7] Mit dem Nagelfluh entschied er sich darüber hinaus für ein hauptsächlich in Bayern gewonnenes Arbeitsmaterial. Aufgrund der Auftragslage zeigt der Großteil seiner Werke religiöse Themen.

Eine Ausnahme bildet der Bronzereifen auf dem von 1970 bis 1972 angefertigten Brunnen für die Anton-Heilingbrunner-Realschule. Er zeigt Fische, Muscheln, Seesterne sowie Fantasiewesen wie Wassermänner und Meerjungfrauen. Sehr ähnliche Motive verwendete der ebenfalls aus Wasserburg stammende Bildhauer Anton Woger Junior im Jahr 1953 für einen Brunnen aus Muschelkalkstein, der in Bad Bertrich in der Eifel aufgestellt wurde. Ernst und Woger hatten bei dem Steinmetz Anton Woger Senior Lehrjahre absolviert.[8]

Für die 1970 entstandenen Entwürfe für ein Ehrenmal in Kaufbeuren-Neugablonz arbeitete Ernst mit ungegenständlichen Formen um das komplexe Thema von Krieg, Vertreibung und Wiederaufbau zu thematisieren. Die Plastik wurde erst acht Jahre nach der Anfertigung der Entwürfe aufgestellt.

Museumsleiter in Wasserburg

1959 übernahm der zu diesem Zeitpunkt 50-jährige Willi Ernst als Nachfolger von Josef Kirmayer die nebenamtliche Leitung des Stadtmuseums und des Archivs der Stadt Wasserburg. Nach seinem Amtsantritt verfasste Ernst Zustandsberichte und strebte besonders Veränderungen für das Museum an. Dabei suchte er die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege, erstellte Entwürfe für ein Museumskonzept und kümmerte sich um die Klärung der Provenienz von in der Sammlung des Museums befindlichen archäologischen Funden. Daneben veranlasste er die Erneuerung des Daches des Museumsgebäudes und den Einbau einer Heizungsanlage. Auch die Vergrößerung des Museums durch den Ankauf des benachbarten Hauses fand unter seiner Regie statt. Neben dem Archiv und dem Museum fiel auch die im Museumsgebäude untergebrachte Stadtbibliothek in den Zuständigkeitsbereich von Willi Ernst, der weiterhin Aufträge als Bildhauer und Restaurator annahm. Zu diesem Zeitpunkt versorgte er als Vater einer Tochter und eines Sohnes eine vierköpfige Familie. Zudem war Willi Ernst von 1968 bis 1973 der geschäftsführende Vorstand des Wasserburger Heimatvereins. Bei den gemeinsam organisierten Ausflügen des Vereins in andere Regionen hielt er auch selbst Führungen.[9]

Als Museumsleiter lag Willi Ernst auch die Erweiterung der Sammlung am Herzen. Im Jahr 1972 gelang ihm der Ankauf einer Schlafzimmereinrichtung aus der Werkstatt der Perthaler Kistler, die noch heute wichtiger Bestandteil der Dauerausstellung des Museums ist. Desweiteren veranlasste er die Restaurierung von in der Sammlung befindlichen historischen Musikinstrumenten durch einen Fachrestaurator des Deutschen Museums in München. Auf dem Museumsspeicher entdeckte Ernst zudem bei Aufräumarbeiten eine verloren geglaubte von Jakob Schwanthaler aus weißem Carrara-Marmor geschaffene Büste König Maximilians I. Joseph von Bayern.

Krankheit und Ende der Arbeit als Bildhauer

In den 1970er Jahren erkrankte Willi Ernst an grauem Star, wodurch seine bildhauerische Tätigkeit stark beeinträchtigt wurde. Zu seinen letzten Arbeiten zählen ein Brunnen und eine Kreuzigungsgruppe für den damals neu angelegten Friedhof am Herder in Wasserburg.

Aufgrund seiner Krankheit soll sich Ernst zu einer Operation entschieden haben, die jedoch nicht den gewünschten Erfolg sondern stattdessen eine Verschlechterung seines Zustandes zum Ergebnis gehabt haben soll.[10] Nach dem Verlust seines räumlichen Sehvermögens war es Willi Ernst nicht mehr möglich als Bildhauer zu arbeiten.[11] Er löste sein Atelier in der Färbergasse auf, behielt jedoch seine nebenamtliche Tätigkeit als Leiter von Museum, Archiv und Bibliothek bei. Die Arbeit des 1980 bereits 71-jährigen Museumsleiters wurde jedoch zunehmend kritisch betrachtet. Vermisst wurden Texte zur Erklärung der Objekte, ein Museumsflyer, feste Öffnungszeiten sowie zu den Wunschterminen der Besucher stattfindende Führungen.[12] Immer mehr entfremdeten sich in Folge dessen der Museumsleiter und seine Kollegen und Mitstreiter, die Einblicke in seine Arbeit im Museum hatten. Im Jahr 1980 beendete Willi Ernst seine langjährige nebenamtliche Tätigkeit auf Anraten der Stadt Wasserburg, die ihm auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt eine finanzielle Aufwandsentschädigung gewährte. Im Alter von 73 Jahren starb Willi Ernst am 20. April 1982 in Wasserburg. Er wurde auf dem Altstadtfriedhof im Grab seiner Familie beigesetzt, auf dessen Grabstein sich ein von ihm geschaffenes Relief befindet.

Verzeichnis der wichtigsten Werke

  • Restaurierung der Zürn-Kanzel in der Pfarrkirche St. Jakob in Wasserburg, 1945-1946
  • Skulptur St. Josef für die Krankenhauskapelle in Wasserburg, Lindenholz, Stein, 1950
  • Brunnenfigur für den Taubenbrunnen auf dem Bahnhofsplatz in Wasserburg, Muschelkalkstein, 1950
  • Skulptur Madonna Immaculata für die Krankenhauskapelle in Wasserburg, Lindenholz, 1951
  • Brunnen mit Reliefs zur Märzenfräulein-Sage für den Enzianplatz in Kaufbeuren, Marchinger Kalkstein, 1951-1953
  • Skulptur St. Christophorus für die Brücke über die Urtel in Grafing, Muschelkalkstein, 1953-1954
  • Skulptur Mädchen mit der Hopfenranke für den Treppenaufgang im Hotel Fletzinger in Wasserburg, Eichenholz, 1954
  • Skulptur Madonna mit Kind für eine Hausnische in der Ledererzeile in Wasserburg, Untersberger Marmor, 1955
  • Restaurierung der Fassade des Kernhauses in Wasserburg, 1955 und 1968
  • Skulptur Fohlen für die Stadt Kaufbeuren, aufgestellt in der Nähe der Beethoven-Schule, grüner Dolomit, Travertin, 1956-1958
  • Relief Genius für den Friedhof der Opfer des KZ Mühldorf, Jura-Travertin, 1958
  • Relief St. Antonius für die Kirche St. Antonius in Reitmehring, Nagelfluh, 1959-1960
  • Relief Mönch Boso für die Volksschule in Gars am Inn, Muschelkalkstein, 1961
  • Skulpturen Bärengruppe für die Stadt Kaufbeuren, Muschelkalkstein, 1963-1964
  • Skulptur St. Bruder Konrad für die Kirche St. Konrad in Wasserburg, Nagelfluh, 1964
  • Skulptur Madonna mit Kind für die Kirche St. Konrad in Wasserburg, Jura-Travertin, 1964
  • Brunnenanlage Jonas und der Walfisch für das Krankenhaus in Wasserburg, Bronze, Nagelfluh, 1963-1964
  • Taufstein für die Krankenhauskapelle in Wasserburg, Kalkstein, 1964
  • Brunnenanlage St. Leonhard für die Firma Bauer in Wasserburg, Bronze, Nagelfluh, 1965
  • Skulptur St. Josef angefertigt für das Englische Institut in Wasserburg, jetzt aufgestellt im Pfarrzentrum St. Jakob in Wasserburg, Eichenholz, 1965-1967
  • Brunnenanlage für ein Seniorenheim in Kaufbeuren, Muschelkalkstein, 1967
  • Brunnenanlage für die Kreis- und Stadtsparkasse Wasserburg, Nagelfluh, 1967
  • Relief Madonna auf der Flucht für ein Haus in der Ledererzeile in Wasserburg, Untersberger Marmor, 1967
  • Entwurf für ein Ehrenmal in Kaufbeuren Neugablonz, 1970
  • Brunnenanlage für die Anton-Heilingbrunner-Realschule in Wasserburg, Bronze, Nagelfluh, 1970-1972
  • Brunnenanlage für den Friedhof am Herder in Wasserburg, Bronze, 1971-1972
  • Kreuzigungsgruppe für den Friedhof am Herder in Wasserburg, Aluminiumguss, 1973


Empfohlene Zitierweise:
Juliane Günther, Willi Ernst, publiziert am 28.02.2019; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Willi_Ernst (21.05.2019)


  1. Diese Biografie wurde auf der Grundlage von Forschungsarbeiten für die Sonderausstellung ‚Willi Ernst. Ein Wasserburger Künstler‘ (22. Juli bis 18. Oktober 2015 im Museum Wasserburg) und die gleichnamige Ausstellungspublikation erstellt und als Lexikonbeitrag überarbeitet. Der Inhalt basiert auf der Auswertung des schriftlichen Nachlasses von Willi Ernst für das Stadtarchiv Wasserburg am Inn sowie auf Interviews mit Personen aus Willi Ernsts Umfeld. Vgl. hierzu StadtA Wasserburg a. Inn, III1151; StadtA Wasserburg a. Inn, III1153-III1155; StadtA Wasserburg a. Inn, III1157-III1158; StadtA Wasserburg a. Inn, III1160-III1161; StadtA Wasserburg a. Inn, III1163-III1165; StadtA Wasserburg a. Inn, III1167; StadtA Wasserburg a. Inn, III1187-III1190 (III.= Neue Registraturen, Stadtverwaltung und Stadtrat Wasserburg a. Inn ab 1950, Verwaltung von Archiv und Museum, Schriftlicher Nachlass von Willi Ernst).
  2. Karl Hofmann (1880-1967) zeichnete zwischen 1920 und 1927 idyllisch-humorvolle Szenen aus der Wasserburger Altstadt. Nach Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld regte Hofmann kunstinteressierte Jungen – darunter auch Willi Ernst – zum Zeichnen an.
  3. Nach Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld sei dieser Studienschwerpunkt unter anderen Umständen nicht seine erste Wahl gewesen.
  4. Vgl. Verzeichnis der Werke von Willi Ernst, von ihm selbst angefertigt, Privatbesitz. Nach Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld sollen viele in dessen Studienzeit angefertigte Modelle und Skulpturen im Zuge des Zweiten Weltkrieges zerstört worden sein.
  5. Nach Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld soll dieser als Wehrbetreuer hauptsächlich für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung der Soldaten verantwortlich gewesen sein und diesen Unterricht im Holzschnitzen erteilt haben.
  6. Vgl. mündliche Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld.
  7. Vgl. mündliche Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld.
  8. Vgl. Klaus J. Schönmetzler, Der Bildhauer Toni Woger, Wasserburg, 1983.
  9. Vgl. StadtA Wasserburg a. Inn, III-1163.
  10. Vgl. mündliche Aussagen von Personen aus Ernsts Umfeld.
  11. In dem in Privatbesitz befindlichem Auftragsbuch des Bildhauers ist im Jahr 1974 als letzter Eintrag die Teilnahme an einem Wettbewerb für die Gestaltung der Außenanlage vor dem Verwaltungsgebäude des Bezirkskrankenhauses Gabersee verzeichnet, den Ernst jedoch nicht gewann.
  12. Während Ernsts Dienstzeit konnte des Museum nur während einer Führung durch den Museumsleiter oder die Hausmeisterin besucht werden. Diese Regelung sollte Diebstähle verhindern, da die Objekte ohne Glasvitrinen und ungesichert ausgestellt waren. Vgl. StadtA Wasserburg a. Inn, III-0030 (=III. Neue Registraturen, Stadtverwaltung und Stadtrat Wasserburg a. Inn ab 1950, Verwaltung von Archiv und Museum, Beschwerden über Heimathausleiter Willi Ernst).