Lateinisches Schulhaus

Aus Historisches Lexikon Wasserburg
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Autor: Gerald Dobler

Lateinisches Schulhaus, später Mesnerhaus (Kirchhofplatz 3)

Einführung

Lateinisches Schulhaus, Ansicht von Norden.

Ein Schulmeister wird in Wasserburg zum ersten Mal um 1250 genannt.[1] Die Schule stand, wie in dieser Zeit üblich, in engster Verbindung mit der Stadtpfarrkirche St. Jakob, da an jeder größeren Kirche auch eine Schule angesiedelt war.[2] Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts ist dann auch eine Bruderschaft der Schüler nachweisbar (Schülerzeche), die im 17. Jahrhundert in die Allerseelenbruderschaft überging.[3] In das Jahr 1434 fällt die erste Erwähnung eines Schulhauses, das neben der Jakobskirche stand.[4] Von 1437/38 bis mindestens 1443 erfolgte offenbar der Abbruch und Neubau der Schule. [5] 1447 werden in der Baurechnung der Stadtpfarrkirche 200 Kacheln (Ofenkacheln?) für die Schule genannt.[6] 1490 werden eine alte und eine neue Schule genannt. Zumindest eine der beiden Schulen, aber eher wohl beide befanden sich im Bereich der späteren Lateinschule, da als Lage in diesem Jahr an der Friedhofsmauer zur Schmidzeile angegeben wird.[7] Die neue Schule wurde in diesem Jahr errichtet. [8] 1556 wird erstmals explizit ein lateinischer Schulmeister genannt.[9] Um 1560 hatte dieser 30 Schüler und wurde im Pfarrhof verpflegt.[10] Der Tisch im Pfarrhof endete 1618.[11] Der lateinische Schulmeister war neben seiner Unterrichtstätigkeit auch für den Chor der Pfarrei zuständig (Chorregent).[12] 1562 verfasste der Wasserburger Stadtphysikus Leonhard Alber eine verbesserte Schulordnung für die Lateinschule, nach dem Muster der Schulordnung Philipp Melanchtons.[13] Um 1560 werden neben dem lateinischen erstmals auch vier deutsche Schulmeister genannt, die zusammen in eigenen Räumen 88 Schüler unterrichteten. Im Gegensatz zu den deutschen Schulmeistern, die selbstständig arbeiteten, wurde der lateinische von der Stadt besoldet.[14]

Geschichte / Baugeschichte

Das Gebäude wurde angeblich 1589 neu errichtet.[15] Bereits 1620 wird es jedoch als dämmig [dumpf, dämmerig], melancholisch und ungesund beschrieben, weshalb auch wenig Schüler kämen.[16] Als Lateinschule diente es bis zum Tode des Lateinschulmeisters und Chorregenten Sebastian Diez 1793.[17] Offenbar aufgrund der folgenden Kriegszeiten und der größeren Aufmerksamkeit, die die Behörden den deutschen Schulen widmeten, wurde der Unterricht später nicht wieder dauerhaft aufgenommen.[18] Von 1793 an war das Haus nur noch Sitz des Chorregenten. 1820 wurde es als Wohnung für den Mesner (und Lehrer) hergerichtet. Dabei wurde auch ein Waschhaus für die Kirchenwäsche errichtet.[19] Der Mesner hatte zuvor das Haus östlich des Pfarrhofs bewohnt, wo er bereits als Lehrer tätig war.[20] Wohl in diesem Zusammenhang wurde ein östlich angebauter, nach Norden ausspringender Ökonomieteil (das Ostende östlich des Flurs in das Gebäude integriert und die Nordfassade begradigt (Stadtpläne 1813, 1854)). 1845 wurde geplant, ein Zimmer im Mesnerhaus für eine Städtische Schule mit Lateinunterricht zu verwenden.[21] Später diente es wiederum als Chorregenten- und im 20. Jahrhundert als Chorregenten- und Mesnerhaus.[22] 1951 wurde das Dach saniert.[23]

Baubeschreibung

Das rechteckige Gebäude (alte Hausnummer 97) an der Südseite des ehemaligen Friedhofs erstreckt sich in Ost-West-Richtung. Es besitzt ein Untergeschoss mit Gewölben, zwei Vollgeschosse und ein niedriges Mezzaningeschoss (Dachgeschoss) mit Pultdach. Die Südseite des Hauses ist vollständig fensterlos, da sie im unteren Teil in den Hang gebaut ist und im oberen Teil an die südlich stehenden Nachbarhäuser anstößt. 1615 befand sich an dieser Seite noch ein Hof.[24] 1813 war dieser weitestgehend verschwunden.[25] Die Fenster in den beiden Vollgeschossen der Nordfassade besitzen durchgehend hohe, schräge und leicht gekehlte Stürze, um möglichst viel Licht in die Räume dahinter zu bringen. Der Zugang zum Erdgeschoss erfolgt über eine Treppe in der dritten Fensterachse von Osten. Im Flur ist hier im Erdgeschoss die Fensternische als segmentbogige Sitznische ausgebildet. Der nordöstliche Raum in diesem Geschoss besitzt eine Putzdecke mit einfacher Dekorationsmalerei der zweiten Hälfte des 19. oder der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (im Zentrum ein Feld mit Harfe, seitlich vier Tondi mit Blumensträußen).

Quellen

StadtA Wasserburg a. Inn, II948.
StadtA Wasserburg a. Inn, II1211.
StadtA Wasserburg a. Inn, II681.
Kirmayer, Chronik.
Nadler, St. Jakob.

Literatur

Heiserer, Geschichte Wasserburg, 261.
Brunhuber, Beiträge zur Geschichte der lateinischen Schule Wasserburg.
Brunhuber, Dokumente zur Schulgeschichte Wasserburgs.
Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg.


Empfohlene Zitierweise:

Gerald Dobler, Lateinisches Schulhaus, publiziert am 11.02.2021 [=Tag der letzten Änderung(en) an dieser Seite]; in: Historisches Lexikon Wasserburg, URL: https://www.historisches-lexikon-wasserburg.de/Lateinisches_Schulhaus (20.10.2021)
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  1. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 7.
  2. Brunhuber, Beiträge zur Geschichte der lateinischen Schule Wasserburg, 1.
  3. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 7.
  4. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 8. Dies ergibt sich daraus, dass ein Knecht arme Schüler, die in der Schule übernachteten, auf dem Friedhof um die Pfarrkirche herumjagte .
  5. Nadler, St. Jakob, 70, 72. Unter Verweis auf StadtA Wasserburg a. Inn, I2c3 (Kirchenrechnung 1437/38) und StadtA Wasserburg a. Inn, I2c6 (Kirchenrechnung 1443f.).
  6. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 9.
  7. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 9.
  8. Nadler, St. Jakob, 81. Unter Verweis auf StadtA Wasserburg a. Inn, I2c32 (Kirchenrechnung 1490).
  9. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 9.
  10. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 10.
  11. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 12.
  12. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 11.
  13. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 10.
  14. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 13, 16.
  15. Heiserer, Geschichte Wasserburg, 261./ Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 10. Bei Brunhuber finden sich auch ausführliche biographische Angaben zu den lateinischen Schulmeistern von 1595-1787.
  16. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 25.
  17. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 51./ Kirmayer, Chronik, Bd. 24, 145.
  18. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 51.
  19. StadtA Wasserburg a. Inn, II948.
  20. StadtA Wasserburg a. Inn, II1211. 1821 wurde dieses Mesnerhaus offenbar an Jakob Pfaab verkauft. Darin befand sich ebenfalls eine Schule, der Mesner war zugleich Lehrer. Die Lateinschule war bis zu dieser Zeit nicht Mesner-, sondern Chorregentenhaus (Chorregent Pettenauer, † vor 1819).
  21. Brunhuber, lateinische und deutsche Schule Wasserburg, 52.
  22. Kirmayer, Chronik, Bd. 24, 145.
  23. Wasserburger Zeitung Nr. 107, 8.9.1951.
  24. HAAB, Kt 100 Wasser 3 R Ms, Gebäude als Schuell bezeichnet.
  25. StadtA Wasserburg a. Inn, VDep.1-0341.